Helmut Börsch-Supan: Versuch, die Kunst Roger Loewigs zu ergründen
Wasser und
Himmel sind auf dieser Oderlandschaft von 1993 zu sehen,
dazu am fernen Ufer einige zusammengeknäuelte Baumgruppen, hinter
denen sich vielleicht Gehöfte verbergen. Rechts vorn ragt noch
etwas schütteres Gras aus dem wie es scheint überschwemmten
Terrain. Die Strömung ist ruhig und zugleich mächtig, und
das aus den bewegten Wolken hervorbrechende diffuse Licht spiegelt sich
im Fluß. Wind und Wellen sind Bundesgenossen. Der Betrachter hat
keinen festen Standpunkt; er ist den Elementen ausgeliefert, die der
Zeichenstift mit raschen, weit ausschwingenden und doch zarten Strichen
auf das Papier gesetzt hat. Der Zeichner fühlt sich verbunden mit
den Mächten, die Wasser und Himmel bewegen; sie erfassen auch seine
Seele. Nur eine in einem langen Künstlerleben erworbene Sicherheit
der Hand kann die Striche so präzise und doch zugleich stürmisch
aufs Papier bringen. Sie beginnen und enden genau an den seitlichen
Rändern, wo die Zeichnung aufhören soll. Der obere wie auch
der untere Abschluß ist, wie oft bei Roger Loewig, leicht konvex,
als sei die Zeichnung aufgespannt und als atme sie. Aber der Künstler
tritt nicht mit dem Pathos des Schöpfers auf, der sich an seinem
Gegenstand mißt. Die Natur zwingt ihn zur Demut. Die Zeichnung
ist daher klein. Während sich die Landschaft ins Unendliche dehnt,
zieht sich auf dem Blatt eine Welt zu etwas Konzentriertem, Innerlichem
zusammen. Hier wird etwas auf den Punkt gebracht. Auf Farbe ist verzichtet.
Nur die zartere oder festere Linie beschreibt das Gesehene, das umso
mehr die mit Fluß, Wolken und Licht verbundenen Gedanken evoziert:
Vergänglichkeit, Grenzenlosigkeit, Übermacht der Natur. Aber
all das, was in der Welt draußen erfahren wird, hat der Mensch
auch in seinem Inneren.
Flüsse begegnen oft im Werk Loewigs, als Grenze oder als Lebensader.
Dann sind beide Ufer zu sehen. Und es gibt Gegenstände, die den
Raum gliedern, z.B. Bäume oder Vögel. Auf dem Blatt der Oderlandschaft
nimmt die weite Wasserfläche nahezu den ganzen Raum ein. Der majestätische,
sich alles untertan machende Fluß scheint zum Meer geworden und
nichts zu dulden, was aufragt ein Bild des Endes und des Unterganges,
ohne das für Loewig so bezeichnende verzweifelte Aufbegehren. Ist
es das archaische Trauma der Sintflut oder ist es die wissenschaftlich
fundierte Prognose von Flutkatastrophen, was hier dämmert? Angesichts
des Elementaren werden Fragen nach Modernität und Aktualität
marginal. Vor dem Strom der unendlichen Zeit bringt der Künstler
seine gesammelte Lebenszeit und -qual zum Verschwinden.
Für Loewig, den Schlesier, hatte die Oder eine besondere Bedeutung.
Sie ist die Lebensader seiner nicht mehr deutschen Heimat. Das letzte
Gedicht, über dessen Vollendung ihn der Tod ereilte, beginnt mit
den Zeilen: Ich hab in der Oder das Schwimmen gelernt, / ich war
an der Oder zu Hause. Loewig war ein vorzüglicher Schwimmer,
und Schwimmer sind in manchen seiner Arbeiten anzutreffen. Sich einem
Element anzuvertrauen, in dem man nur durch fortwährende Anstrengung
existieren kann, war für ihn nicht nur Sport, sondern war eine
symbolische Handlung. Als unablässig schaffender Künstler
war er gleichsam ein Schwimmer. Um an die Quelle zu kommen, muß
man gegen den Strom schwimmen, heißt einer der Aphorismen
von S. J. Lec, zu denen Loewig 1981 einige Blätter gezeichnet hat.
Und das war auch seine Maxime. Von 1972 an, dem Jahr der Übersiedlung
des Künstlers in den Westen, wurde die Elbe ebenfalls ein
Grenzfluß für ihn zum Ersatz für die Oder. Einsamer
Flußschwimmer ist eine Zeichnung betitelt, die mit einer
1988 unternommenen Reise an die Unterelbe zusammenhängt. So wie
er sich 1978 als Sinkender in einem masurischen See porträtiert
hat, gibt Loewig sich auch in dieser Arbeit selbst, wobei der verhältnismäßig
kleine, nicht vollständig aus der Wasseroberfläche des vorderen
Bildraums auftauchende Kopf wie losgelöst vom übrigen Körper
wirkt.
Strom zwischen Anfang und Ende hat Loewig eine Zeichnung
von 1974 genannt, die ihm wichtig gewesen sein muß, denn die Unterschrift
bestimmte er als Titel für seine bis dahin größte, 1975
also drei Jahre nach der Ausreise veranstaltete Ausstellung.
Hier teilt der Strom als Grenzfluß das Land, und am diesseitigen
Ufer, dem westlichen, hebt sich aus dem Relief des Bodens heraus, groß,
einer Totenmaske gleichend, wiederum das Gesicht des Zeichners selbst.
Das Gelände ist mit schlingernden und zu Strudeln sich formierenden
Federstrichen dem Wasser ähnlich geworden, so daß man für
den Augenblick den Kopf für den eines auf dem Rücken sich
treiben lassenden Schwimmers halten mag. Der Kopf antwortet dem riesigen
Ball der untergehenden Sonne, die in der Mitte durch einen zitterigen,
an die Nähte eines Schädels erinnernden Strich geteilt ist:
Der Riß des Eisernen Vorhangs geht durch die Natur, ein Motiv,
das Loewig oft variiert hat. Zugleich besteht eine Entsprechung zwischen
Gestirn und Stirn, eine Klammer, die die Welt im Inneren des winzigen
Einzelnen mit dem unendlichen Kosmos verbindet. Kopf und Gestirn direkt
gleichgesetzt hat Loewig in einem Gedicht, das 1971, also noch in der
DDR, von ihm geschrieben worden ist, beginnend mit den Zeilen: Mein
Kopf fliegt als Mond über dieses Land / dieses Wolfsland im Spätlicht
meiner Liebe.
Vom Ich des Künstlers gelöst zeigt sich die Beziehung Kopf-Gestirn
in der Zeichnung von 1984 Keine Erinnerung mehr oder Vorbei.
Das Profil eines Männerkopfes ragt aus der Sandwüste, und
darüber, in der Tiefe des Raumes, schwebt in einem von Luftströmen
durchpflügten Himmel zwischen zwei paradiesvogelartigen Wesen,
verwandt denen, die Loewig, bezogen auf ein Blatt von 1969, als seine
kranken Vögel bezeichnet hat, der Sonnenball. Loewig schrieb dazu:
Den Menschenkopf, Kopf eines toten alten Mannes unbestimmter Abstammung
er erinnert an viele Gesichtstypen; vielleicht ist es ein Mayaindianer,
den ich auf Yucatan fand , vermochte das Leichentuch aus Sand
und Staub nicht einzuhüllen. Hinter der Stirn ist nichts mehr vorhanden,
ist alles ausgebrannt, ausgedacht, ausgehofft, ausgehaßt, ausgeliebt,
gibt es keine Erinnerung mehr. Dies sind Sätze, die wieder
die Bewunderung für Loewigs Fähigkeit nähren, bekannten
Worten wie ausgedacht neue Bedeutungen zu entlocken und
neue zu erfinden, die frisch und genau sprechen und so ungekünstelt
sind, als gäbe es sie schon immer. Ausgehofft
ließe sich über die Hoffnung als ein seelisches Vitamin und
ihr Versiegen im Tod knapper und treffender sprechen?
Der Strom als Gleichnis für die Dynamik des Naturgeschehens und
die Zeichnung als Linienfluß, als nachvollziehbarer künstlerischer
Arbeitsprozeß, stehen in einem Verwandtschaftsverhältnis
zueinander. Die Malerei mit ihrer durch Farbflächen wirkenden Präsenz
und ihrer kompakteren Dinglichkeit ist nicht in gleichem Maß wie
die auf der Linie basierende Zeichnung in der Lage, Zeitlichkeit zu
veranschaulichen. Roger Loewig hat sich dagegen gewehrt, auf die Zeichnung
festgelegt zu werden, wenngleich er wohl nur als Zeichner das werden
konnte, was er geworden ist. 1982 schrieb er anläßlich der
Ausstellung Frühe Bilder Späte Zeichnungen
Bücher 19541981 in einem Anfang und Ende meiner
Malerei betitelten Aufsatz: Eines geradezurücken liegt
mir heut am Herzen: Wenn über mich sinngemäß zu lesen
ist, die Malerei sei nur eine Randphase meiner Arbeit, Phase des Suchens,
des Herumtappens, um schließlich in der Zeichnung, der sensibleren
Art der Gestaltung, den besseren Vermittler für Bildgedanken zu
entdecken, so stimmt das nicht ganz; es ignoriert einfach meine Lebensumstände.
Das 1983 geschaffene Blatt mit dem Doppeltitel Tod eines Malers
oder Verödeter Stadtteil, auf dem sich innerhalb eines
menschenleeren Häuserlabyrinths gemeint ist Loewigs einstiger
Wohnort Köpenick auf einer Staffelei nicht mehr bietet als
die Signatur R. Loewig, ist also keine der heutzutage gern
laut herausposaunten Verkündigungen vom Ende der Malerei, sondern
eine melancholisch-humoristische biographische Reminiszenz. Mangel an
Geld und Wohnraum und das Nomadenhafte seiner Existenz sei es gewesen,
so Loewig, was ihn der Zeichnung als der beweglicheren, lautloseren
und bescheideneren Kunst zugeführt habe. Die Papierflieger, die
in manchen seiner Blätter statt der geliebten Vögel auftauchen
oder auch leise, aber bestimmt den Flugzeugen, die den Tod symbolisieren,
widersprechen, man könnte sie nicht aus bemalten Leinwänden
falten. Loewig verzichtete damit auf die Chance, an Museumstempelwänden
dauerhaft neben anderen handverlesenen Meisterwerken präsent zu
sein. Nur in der Zeichnung konnte seine Kunst die enge Bindung mit der
Poesie eingehen. Stift und Papier sind die Mittel des Zeichners wie
des Schriftstellers, und in den Büchern finden gezeichnetes Bild
und Text mühelos zueinander.
Als Künstler, der der Zeichnung und der Graphik den Vortritt vor
der Malerei einräumt, hat sich Loewig, wahrscheinlich unbewußt,
in eine weit zurück-reichende Tradition nördlicher, insbesondere
deutscher Kunst eingereiht. Schon der im ersten Drittel des 9. Jahrhunderts
in der Schule von Reims ge-schaffene Utrecht-Psalter faßt das
biblische Geschehen in nervös-gestischen Zeichnungen. Die spätmittelalterlichen
Kupferstecher, die dieses de-mo-kratische Medium mit ähnlicher
Zielrichtung wie der Erfinder des Buchdruckes entwickelten, und vor
allem Albrecht Dürer sind zu nennen, für später die romantischen
Zeichner wie Carl Philipp Fohr, Franz Horny und Johann Christoph Erhard,
schließlich Adolph Menzel sowie für die neuere Zeit Alfred
Kubin, Käthe Kollwitz oder der viel zu wenig bekannte Paul Holz.
Die Botschaften dieser Künstler sind so eindringlich, weil sie
leise gesprochen sind. Was erschlägt, kann nicht unter die Haut
gehen. Mit der Zeichnung, die wir in die Hand nehmen können, treten
wir in einen körperlichen Kontakt.
Stets ist es für Künstler, die sich der Landschaft zuwandten,
eine Herausforderung gewesen, die Übermacht des Elementaren in
rasch sich verändernden, der Formung sich entziehenden Erscheinungen
wie Flammen, bewegtes Wasser oder die Allianz von Wolken und Wind dennoch
in eine Gestalt zu bannen. Es handelt sich quasi um einen Kampf des
Einzelnen gegen die Naturgewalten, wie ihn als erster Leonardo da Vinci
mit all seiner Kraft aufgenommen hat. In Loewigs am Anfang betrachteter
später Oderlandschaft ist von Kampf nichts mehr zu spüren.
Hier besteht zwischen Zeichner und Natur ein Einklang, der weder Kapitulation
auf der einen noch Verkürzung der Wirklichkeit auf der anderen
Seite ist. Ein Ton, der ein ganzes Leben lang heftig angeschlagen worden
ist, scheint nun zu verklingen. Roger Loewig fühlte sich am Ende
seiner Kräfte und seines Weges, als er das Blatt zeichnete, und
es liegt in diesem etwas von der Stimmung, die der Dichter Loewig um
die gleiche Zeit in die wegen ihres reinen Klanges so anrührenden
Verse gelegt hat: Endlich am Ende / eignen Ermessens / geb ich
mich fremdem / blind in die Hand, / nehm ich zum Laken, / um mich zu
betten, / Zeit des Verblassens, / Zeit des Vergessens, / märkischen
Sand. Der Abschied wird als eine der unveränderlichen Realitäten
inneren Lebens, als ein Bestandteil der Humanität anerkannt, sosehr
die Kommunikationsindustrie mit ihrem Ziel der Omnipräsenz sie
zu leugnen sucht.
Roger Loewig ist sich in seiner Haltung nicht untreu geworden. Der Inhalt
früherer Zeichnungen ist in dem späten Blatt bewahrt und umhüllt,
auch wenn sich der Zeichenstil gewandelt hat. In einer Zeichnung von
1965 mit dem Titel Zusammengeschmolzenes ist der Kampf mit
der Wirklichkeit noch mit der ganzen Kraft der Empörung geführt.
Nichts wäre jedoch abwegiger, als in dem Blatt ein Werk gegenstandsloser
Kunst oder ein Abreagieren stolzer Künstlergefühle zu sehen.
Zusammengeschmolzenes ist der erstarrte und so, nicht durch
planmäßige Gestaltung, zur festen Form geronnene Rückstand
eines elementaren Prozesses: Schlacken, die ein Brand zurückläßt,
Überbleibsel einer Ka-tastrophe, nichts von Wert. Die Erinnerung
an das Geschehen wühlt auf, und dieses Aufgewühltsein als
seelische Bewegung begleitet die Feder. Die Flammen, die gewütet
haben, werden in ihrer Vernichtungstat noch einmal sichtbar. Es sind
nicht irgendwelche Flammen, sondern die des Infernos der Konzentrationslager,
der planmäßigen Menschenvernichtung, wie die Formensprache
eindeutig berichtender Blätter der gleichen Zeit belegt. Der Federstrich
ist kurzatmig, fährt explosionsartig aus, um sich dann in Inseln
zu verknäueln und zu tiefschwarzen, rußigen Löchern
zu verdichten. Ballen sich oben Qualmwolken, bleibt andernorts züngelndes
Weiß des Papiergrundes stehen. Schraffierendes Hin und Her fächert
sich und bricht plötzlich ab. Die Feder hastet, von einer Gewalt
getrieben. Ein Chaos wird heraufbeschworen, an dem sich der Zeichner
wütend abarbeitet, und die Zeit dieses Kampfes ist zu etwas Festem
geronnen, das der Betrachter mit seinem Blick wieder schmelzen soll.
Der horror vacui ist der Schrecken, vor dem es kein Entrinnen gibt.
Die Loewigs ganzes Denken durchziehende Mitverantwortlichkeit für
ein gigantisches Unheil ist das Objektive, von dem sich die Konstante
in seinem Werk herleitet. Unvorstellbares sich vorzustellen, war der
Antrieb seines Schaffens. Das Heraufbeschwören der Erinnerung war
eine Methode des Überlebens, des Atemholens und eine Schwimmbewegung,
mit der sich der Künstler über Wasser hielt.
In einer Lithographie des gleichen Jahres, dem Zeitenbeginn und
-ende betitelten zweiten Blatt des Jüdischen Zyklus,
ist die Sprache der qualvoll sich windenden Formen jener eben beschriebenen
verwandt, aber in dem jetzt als Landschaft zu erkennenden Bild sondert
sich das Elementare in Himmel und Erde. Der Titel läßt in
seiner ersten Hälfte an die alttestamentliche Schöpfungsgeschichte
denken; allerdings fehlt Gott. Die Erde ist eine brodelnde Masse, strömendem
Wasser ähnlich und insofern nichts Beständiges, auf das man
sich verlassen kann. Aber in ihren spiralig sich zusammenziehenden Wülsten
zeichnen sich Zentren ab, die wie Augen wirken, mit denen das Blatt
den Betrachter voller Entsetzen anblickt. Dieser Blick ist auch der
Loewigs auf die Natur; er sieht ihre Eingeweide. Zugleich ähneln
diese Formen den Windungen eines Gehirns. Wieder sind Inneres, Verborgenes,
und Außenwelt geheimnisvoll miteinander verklammert.
1965, das Jahr, dem die letztgenannten Arbeiten angehören, war
ein Jahr eruptiver Produktivität; in ihm begann auch das druckgraphische
Werk. Nach der erzwungenen Untätigkeit in der Haft 1963/64 bedeutete
die Befreiung aus dem Gefängnis Befreiung zu schöpferischer
Tätigkeit. Aber es war kein leichtes Aufatmen und das an den Tag
Drängende keine flüchtige Augenblicksäußerung.
Das in Loewigs Hirn in langen Stunden einsamen Nachdenkens Aufgestaute
brach sich nun Bahn. Menschenverachtende Machtpolitik, die nach 1933
das große Inferno heraufbeschworen hatte, war ihm also auch persönlich
begegnet, und er konnte jetzt noch genauer die Leiden der Geschundenen
in den Konzentrationslagern nachvollziehen. Die zahlreich entstehenden
Arbeiten, Zeichnungen und Lithographien, zeigen Konzentration und zugleich
die Anstrengung, der Fülle der einstürmenden Visionen Herr
zu werden. Folgen ergeben sich, aber auch überfüllte Einzelblätter.
Begegnet in der Zeichnung Zusammengeschmolzenes zur Unkenntlichkeit
Entstelltes, lassen sich beim Blatt Großes Panorama
des gleichen Jahres trotz der vor Augen geführten Zerstörung
noch Einzelheiten benennen: menschliche Leiber, fragmentierte Skulpturen,
Reste von Bauten, ja eine Stadt, Wasser, Himmelskörper und ein
Berg, in dem die schlackenartige Zerklüftung die Phantasie mächtig
anregt, hier noch Reste von Gegenständlichem zu suchen, als wühle
man in Trümmern nach Spuren menschlichen Lebens. Gewöhnlich
verbinden wir mit dem Begriff Panorama die Vorstellung des
Überblicks, der uns Fülle und Weite offenbart, und dieser
Überblick soll in der Regel durch die Ausbreitung von Reichtum
erheben. Im vorliegenden Falle jedoch schlägt dieses stolze Gefühl
in Depression um. Die Schuld des Versagens als Ursache der Zerstörung
macht das Bild des komprimierten Grauens zu einer Belastung des eigenen
Gewissens.
Als ginge es bei dem 75,5 x 88 cm messenden Blatt um eine Dichtung,
spricht Loewig in einem über die Entstehungsgrundlage unterrichtenden
Text von der Niederschrift des großen Panoramas, der
nach einem Krankenhausaufenthalt Wochen nächtlicher Arbeit in einer
Totenhalle voraufgegangen wären. Der Kopf auf der Federzeichnung
hatte also dort sein Modell, heißt es da unter anderem,
und die Welt des Panoramas wird als eine Welt des
Versinkens ins Mikrokosmische, ins Blättrige, Winzigpflanzliche,
neben kleine Würmer, zerfaultes Holz, Fischschuppen und Krümel
aus Stein und Rost, neben die Federhärchen der Flügel von
Riesenvögeln charakterisiert. Der vermutlich um 1980 aus
Anlaß der Publikation der Zeichnung in dem Band Gesichtedünung
verfaßte, auf Seite 53 dieses Ka-ta-loges zur Gänze abgedruckte
Text, ein aus der Erinnerung gehobener Schatz großer Sprachgenauigkeit,
ist keine Beschreibung, sondern in seinem weiten Ausgreifen der Gedanken
eine Rechtfertigung des Begriffs Panorama, den man mit Sicht
von allem übersetzen könnte. Wenn Loewig sagt, daß
der Kopf auf der Federzeichnung, dessen eines Auge mit trübem Blick
aus dem Bild schaut, während das andere wie getötet von der
Fülle der Schreckensbilder geschlossen ist, dort sein Mo-dell
hatte, so bedeutet das nicht, daß dieser Kopf nicht zugleich auch
als Selbstbildnis anzusehen sei. Der zwei Jahre später in zarter
Bleistiftfassung ausgeführte Kopf im Selbstporträt mit
aufgespießtem Fisch will wie eine Variation ebendieses anmuten.
Oft hat Loewig sein Selbstbildnis unten plaziert. Wirklichkeit lastet
auf ihm. Nie ist es Ausdruck eines Künstlerstolzes, des homo faber,
der kraft seines Talentes eine Welt erschafft oder die existierende
beherrscht. Loewigs Bild von sich selbst steht im äußersten
Widerspruch zum Künstlerideal, das von der Renaissance bis heute
vorherrscht. Es erregt Ärgernis, weil es der Konvention des Kunstbetriebes
widerspricht, der zwar schockieren will, aber die Kunst selbst von Erschütterungen
verschont sehen möchte. Schuld ist immer die Schuld der Anderen.
Auch in dieser Hinsicht ist Loewig also gegen den Strom geschwommen.
Es ist nichts weniger als Eitelkeit, was ihn veranlaßt hat, immer
wieder sich selbst als Mitte seiner Bilderwelt darzustellen. Er war
nicht narzißtisch verliebt in seine Physiognomie. Es kam ihm nicht
auf Ähnlichkeit an und erst recht nicht auf eine Veränderung
seiner Züge zum Vorteilhaften. Geradezu furchterregend ist die
Physiognomie in einem anderen Werk von 1965, bei dessen Titel Porträt
64 eine psychologische Selbstdeutung die Jahreszahl auf
Loewigs Haft hinweist. Viele seiner Arbeiten sind Selbstbildnisse, offen
kenntliche oder verschlüsselte. Die Identifikation mit Ikarus,
dem abgestürzten Sohn des Urkünstlers Dädalos, ist in
der Literatur über Loewig stets beachtet worden. Auch manchen gezeichneten
Vögeln wird Loewig seine Seele geliehen haben.
Bei vielen Blättern fällt der große Mund auf. Er deutet
auf die Sprache als Werkzeug des Dichters hin. In einer Lithographie
von 1971: Mein Mund webt ein Fangnetz für den Tod (Abb.
S. 79), die einer von Gedichten begleiteten Folge von acht Blättern
den Titel gab, steht der Mund in den Wolken für das Wirken des
Dichters. In Stellvertretung des Geistes, der weht und webt, zeigt sich
über todbringenden Flugzeugen, die einen großen Vogel verfolgen,
dieser Mund hier noch einem wenn auch zurückgenommenen Antlitz
zugehörig übergroß im Himmel. Loewig benutzte
die uralte Metapher des Himmels, damit ein Reich des freien Geistes
anerkennend, das nicht durch Mauern und Stacheldraht geteilt werden
konnte. Den Titel Durch brüchiges Gewebe sinkender Mund
trägt ein geheimnisvolles Blatt von 1974, das einen nun isoliert
auftretenden, riesigen, über dem Horizont des Meeres schwebenden
Mund aufweist. Hier wird deutlich, daß die für das Spätwerk
Loewigs charakteristische, sich seit 1968 entwickelnde segelartig gespannte
Fläche der Zeichnung als Gewebe zu verstehen ist, bei dem der Strich
des Zeichners dem Faden gleichkommt. Im gegebenen Fall ist das Gespinst
der Kunst brüchig, Eingeständnis der Vergänglichkeit
des Kunstwerkes. Die deformierte Scheibe des Mondes erscheint als Loch,
als Leere hinter der Kunst. Dem antworten die geisterhaften Gestaltungen
unten, von denen die rechte als Vogel mit weiten Schwingen zu erahnen
ist.
Der horror vacui der besprochenen Blätter des Jahres 1965, zu denen
der quälend sich dehnende Arbeitsprozeß gehört, das
Sichhineinbohren in die feinsten Verästelungen der imaginierten
Realität, ist in Loewigs Werk erst nach der Zäsur der Haftzeit
festzustellen. Die früheren Zeichnungen sind an-ders. Hier sind
die Striche und Flecken auf das Papier geschleudert, Gesten der Empörung
und damit Protest gegen Übermacht, der sich 1956 gegen die Niederschlagung
des Aufstands in Un-garn und 1961 gegen die Brutalitäten im Zu-sammenhang
mit dem Bau der Berliner Mauer richtete. Das waren die Arbeiten, in
denen der Staats-sicherheitsdienst staatsgefährdende Hetze
sah und die ihren Schöpfer ins Gefängnis brachten. Für
diese Zeichnungen gilt gleichermaßen, was Loewig 1982 über
seine frühe Malerei schrieb: Dieser Malerei diente zur Orientierung
der deutsche Expressionismus. Die Nationalsozialisten drückten
seinem Schrei gewaltsam die Kehle zu. Die letzten Bilder vor der Nacht,
denen ich Hochachtung und Bewunderung zollte, rückblickend aus
der Distanz des 1930 Geborenen, gehörten zur ,entarteten Kunst.
Als es wieder tagte, sah ich bei ihnen den einzig für mich möglichen
Anknüpfungspunkt. Mit der Anknüpfung an den deutschen
Expressionismus hat Loewig andere ebenfalls verfemte Strömungen
der Moderne außer acht gelassen, so die reforme-rischen Bestrebungen
des Bauhauses oder die nach Harmonie strebende kosmische Weltsicht des
Blauen Reiter.
Die Zeichnung Nie mehr endende Rast von 1962 nun ist ein
Beispiel jenes Expressionismus, der sich von dem klassischen
zeitlich durch das Geschehen der Nacht absondert. Schon
der Titel besitzt eine Falltür, die auf den Absturz aufmerksam
macht. Rast ist hier nicht der Genuß der Ruhe nach der Anstrengung,
sie ist das Ende eines Leidensweges im wahrsten Wortsinn. Aus den zornig
hingeworfenen Pinselzügen zwischen Strich und Flecken, aus den
heftigen Bewegungen der breiten Rohrfeder trotz versiegender Tusche
steigt ein beklemmendes Bild auf. Tote, Sterbende, noch Schreiende türmen
sich am Straßenrand zu einer flachen Pyramide. Entästete
Bäume lodern. Eine tiefstehende Sonne bündelt das in die Breite
zerfließende Geschehen mit seiner Tendenz zur Einebnung. Was aufrecht
stand, wurde niedergemacht. Die Flecken, ungeformte Dunkelheiten, sind
Flecken im moralischen Sinn, die sich nicht durch Gestaltung beschönigen
lassen. Nur künstlerische Empfindung, nicht Kalkül, ist dem
Gegenstand angemessen.
Der Urahne dieser Zeichnung ist van Gogh mit seiner um Fassung ringenden
Weltergriffenheit. Den deutschen Expressionisten, die Jahrzehnte später
in seine Fußstapfen traten, vor allem den Brückemalern, ging
es bei ihrem Anstürmen nicht wie Loewig um das Fertigwerden mit
einer allgemeinen Ka-tastrophe, sondern um das selbstbewußte Durchsetzen
der eigenen elementaren Schöpferkraft gegen eine gewiß großenteils
dekadente, ja verlogene, aber auch zivilisierte Gesellschaftskunst.
Nur in einigen Nebenbewegungen war der deutsche Expressionismus politisch.
Das Leiden der Menschen jenseits der Kunst spielte nur bei wenigen wie
z.B. Otto Dix eine Rolle. In seinem Blick in Abgründe, in die des
Krieges und in die des sozialen Elends, mischt sich mit dem Entsetzen
nicht selten die Lust, das Abstoßende zu etwas Anziehendem zu
machen, eine Doppelbödigkeit, die immer schon das Problem an Moral
orientierter Kunst war. Das Auftrumpfende, das dem klassischen
Expressionismus oft eigen ist, fehlt bei Loewig, weil die Last der Erinnerung
und die Mahnung des Gewissens es nicht mehr zuläßt. Nie hat
Haß auf Verbrecher ihn verleitet, seine Gefühle in der Erfindung
widerwärtiger Gestalten abzureagieren, wie es z.B. George Grosz
getan hat, auch ein besessener, von der Politik aufgereizter Zeichner.
Die Verfolger begegnen nur in Gestalt von Maschinen, Flugzeugen oder
Panzern. Sich auf die Seite der Ohnmächtigen, der Leidenden und
der Schwachen stellend, geht Loewig nicht den seit alters üblichen
und auch heute sogar von der Avantgarde beschrittenen Weg,
sich mit der Macht zu verbünden, um aufzusteigen.
Gräbt man nach den Wurzeln von Loewigs Haltung, mit der er jeder
Korrumpierung und Aufweichung widerstanden hat, so liegen sie natürlich
im Urchristentum und in der antiken Philosophie, soviel davon auch durch
Aufklärung und Säkularisation weggebrochen ist. Der Baum,
der noch im Erdreich verankert ist, aber keine volle Krone mehr ausbilden
kann, sondern wenige Äste in flehender Gebärde zum Himmel
streckt, ist ein Gleichnis für das eigene Lebensgefühl. Die
späten Zeichnungen der Flämingkirchen, überraschend in
Loewigs Oeuvre, zeigen, daß er sich jener Wurzeln, zumindest später,
bewußt war. Nicht den machtvollen Manifestationen der Kirche hat
seine Zuneigung gegolten, sondern der franziskanischen Schlichtheit.
Ein abgeschlossenes Lebenswerk wird mit anderen Augen gesehen als ein
noch nicht vollendetes. Es geht unter, wenn allein die Schwimmbewegung
des Künstlers es an der Oberfläche gehalten hat. Es bleibt
und muß bleiben, wenn die Substanz über das Historische hinaus
aus Überzeitlich-Allgemeinmenschlichem besteht. Loewig wollte nie
ewig-jugendlicher Avantgardist sein. Seine Arbeiten nannte er einmal
grauhaarige Kinder, die ihre Zeit nicht vergessen können
und nicht verleugnen wollen. In solcher Authentizität besteht
das über die Zeit Hinausweisende. Das gibt Loewigs Kunst die Überzeugungskraft.
Der zu beobachtende Wandel der Handschrift von den frühen zu den
späten Werken folgte dem Prozeß des Reifens, nicht der Anpassung
an die äußeren Verhältnisse, wenn diese sich verändert
haben. Der Wechsel von Ost nach West 1972 als die entscheidende Zäsur
in der Biographie hat zwar deutliche Spuren im Werk hinterlassen
1972 konnte Loewig z.B., was früher kaum denkbar gewesen wäre,
blühende Obstbäume zeichnen , die Verpflichtung gegenüber
dem eigenen Gewissen aber blieb bestehen. In der Wahl der Gegenstände
hat sich der Blick etwas vom Menschlichen auf das Landschaftliche verlagert,
ohne je von der Verklammerung beider Bereiche abzusehen. 1971 konnte
Loewig im Vorwort zu seinem Verzeichnis der Lithographien schreiben,
daß die Sorge um die Bewahrung des Menschenbildes endlich
Zweck und Inhalt der Arbeit wurde, Sorge, die zur Angst wächst.
Später kam die Sorge um die Bewahrung der Natur hinzu.
Das zwanzigste Jahrhundert hat mancherlei Begriffe hervorgebracht, um
die auseinanderstrebenden Kunstrichtungen zu klassifizieren und die
Individuen in eine Ordnung zu zwingen. Für viele Arbeiten Loewigs
bietet sich der Begriff Surrealismus an. Zutreffend daran ist die Ausrichtung
an einer Wirklichkeit, die hinter dem Augenschein gesucht wird. Die
Welt des Traumes und die bloß aufreizende Absurdität allerdings
lagen Loewig fern. Es ging immer darum, auf eine empörende Realität
schöpferisch zu reagieren. So frei sich Loewigs Bildphantasie auch
zu bewegen scheint, sie wurde doch durch ein Empfinden, vorzugsweise
ein Mitleiden, gesteuert und durch ein Denken, das an die Sprache gebunden
war, an eine dichterische Sprache. Diese gewann Energien vor allem aus
dem Zusammenprall von Worten, die Klammern für Zerfallendes bilden
und Sachverhalte scharf beleuchten konnten, welche vorher nur in diffusem
Licht erschienen sind. Beispiele für solche Wortkombinationen,
die in Bildtiteln wie in Gedichten begegnen, sind: Gesichtedünung,
Wirbelsäulenwälder, Sumpfkönig, Vogelbrustküste,
Insektenhimmel oder Dunkellandtotentanz. In all diesen Fällen wird
etwas dem einzelnen Lebewesen Eigenes mit Landschaftlichem verknüpft,
wird ein Brückenschlag vom Innerlichen zur Außenwelt vorgenommen.
Oft geschieht er durch das Motiv der Metamorphose. Die Außenwelt
menschlich zu machen, sie zu poetisieren und ihr so Wärme zu geben,
hatte am wirkungsvollsten Ovid unternommen. Natürliche Erscheinungen
von der Blume bis zum Sternbild wurden dem Empfinden durch Geschichten
nahegebracht. Wenn der Dichter Loewig Metamorphosen verbildlicht, stellt
er sich in eine uralte Tradition. Vorzüglich die Erde wird unter
dem Bild des menschlichen Körpers begriffen. Die Metapher vom Schoß
der Erde wird ins Bild übersetzt. Das Relief des Bodens ahmt Körperformen
nach, aber dahinter steht immer auch das Wissen, daß die Erde
ein Friedhof voller verwesender Leiber ist. Besonders oft gehen Bäume,
die bei Loewig fast immer kahl sind, in menschliche Körper über.
Die Äste werden zu Armen und Händen mit lebhaften Gesten,
die Wurzeln zu Beinen, die sich aus dem Boden lösen können.
Die Natur redet. Wenn Leiber zu brennen scheinen und sich zu Rauchfahnen
auflösen, die sich zu seltsamen Gebilden verschlingen, steht dahinter
die Erinnerung an die Leichenverbrennungen in den Konzentrationslagern.
Die fünf Finger einer Hand können als verlöschende Kerzen
erscheinen, deren Rauch sich in langen Strähnen verflüchtigt.
Loewig war umgekehrt fasziniert von Fundstücken abgestorbener Natur
von Steinen etwa als Belegstücke für die Formkraft
der Natur über nicht vorstellbare Zeiträume hinweg ,
als sei in ihnen ein Stück Unsterblichkeit gegenwärtig. Dieses
Weltbild ist nicht das der modernen Naturwissenschaft. Loewig wußte
das selbstverständlich. Es ist ein Weltbild nicht nur der Kunst,
sondern eines der Verantwortlichkeit des Menschen für die Natur.
Wenn seelische und geistige Kräfte nicht mehr gelten und auf chemische
Prozesse reduziert werden, droht ein völliger Verlust der Humanität,
wie sie bisher gesellschaftliches Leben ermöglicht hat. Dann verödet
die Welt, sosehr sie sich mit Waren und Konsumenten dieser Waren füllt.
Ödland heißt eine Lithographienfolge von 1966
(Abb. S. 65).
Die Sprache Loewigs ist die von Kind an erlernte Muttersprache, die
sich zwar im Laufe der Zeit wandelt, deren Material jedoch seit vielen
Generationen tradiert ist. Anders als die gängige Bildersprache
leistet die gesprochene dem Zwang ständiger chamäleonhafter
Innovation Widerstand, da Verständigung sonst nicht mehr möglich
wäre. Sosehr wir mit Recht an einer Überwindung der Grenzen
arbeiten und Verantwortlichkeit für die gesamte Menschheit gefordert
wird, die Grenzen des Sprachgebietes bleiben erhalten und eine Verschleuderung
des Sprachschatzes zugunsten eines internationalen Kommunikationsinstrumentes
wäre ein katastrophaler Kulturverlust. Als Dichter konnte Roger
Loewig nur deutscher Dichter sein, freilich gänzlich frei von dem
nicht mehr möglichen Nationalstolz, unlösbar gebunden an die
gute und schlechte Geschichte des Landes. Seine widerstreitenden Gefühle
von Liebe und Abscheu gegenüber Deutschland hat Loewig mehr als
einmal geäußert. Da seine bildkünstlerische Tätigkeit
von der dichterischen nicht zu trennen ist, blieb auch sie auf dem Boden
der Tradition. Es wäre ihm ganz unmöglich gewesen, sich durch
einen Anschluß an globale Tendenzkunst aus der Verantwortung für
den Ort wegzustehlen. Roger Loewig ist gegen den Strom geschwommen,
nicht nur, weil es seinem Charakter entsprach, sondern auch, weil seine
Kunst von den Lebenserfahrungen seiner Generation, einschließlich
des Ost-West-Konflikts, geprägt war. So konnte er nicht in einer
vollständig von der Marktwirtschaft und ihrem Management bestimmten
und damit ästhetisch von Werbung und selbstlobender Hochstapelei
beherrschten Welt, deren Spielregeln auch den Kunstbetrieb kontaminiert
haben, Fuß fassen. Da nach diesen Spielregeln sich alles verändert
und auf nichts Verlaß ist, muß man nach unveränderlichen
Werten Ausschau halten, ohne die Humanität nicht denkbar ist.
Erfahrungen mit den Torheiten der westlichen Wohlstandsgesellschaft
im Verein mit der Souveränität des Alters haben in Loewig
einen subversiven Humor geweckt, der freilich fast ausschließlich
in schriftlichen Zeugnissen seinen Niederschlag ge-funden hat, wahrscheinlich
aber notwendig war, um das Gleichgewicht zu bewahren. Was den Künstler
indessen gegenüber allen Verführungen der Mode immun gemacht
und sein Werk verfestigt hat, so daß es wohl als Trittstein in
sumpfigem Gelände dienen kann, war die Tugend der Constantia. Loewig
selber hat diese Tugend Starrsinn genannt. Als Eigenbrödler,
Ignorant, Trotzkopf, eigensinnig, böse, ungerecht bezeichnete
er sich 1966, und 1982 schrieb er von sich: Eigensinn und eigenwilliges
Fortfahren, nur dem Selbstantrieb gehorchend, übernommenes Erbteil,
das sich womöglich noch steigerte, schoben mich auf ein sehr unbequemes
Nebengleis. Das Erbe Roger Loewigs, der beispielhafte, ein ganzes
Leben durchgehaltene Versuch, die deutsche Schuldenlast nicht zu verdrängen,
sondern sie zu tragen und dadurch zur Würde zurückzufinden,
ist ein unveränderlicher Wert. Ihn gilt es zu bewahren. Das Ziel
kann nicht sein, Loewigs Kunst auf den Markt, sondern in die Köpfe
und Herzen zu bringen. |