Werner Hofmann
1.
Das ist kein schönes Wort: Spreizungen. Der Konsonant in seiner
Mitte (der letzte, schneidendste des Alphabets) macht es zu einer harten,
schrillen Klangerfahrung. Das Z spreizt das Wort auseinander
nicht zum Spagat des Tänzers, sondern zu dem der Tortur. Kein schönes,
aber ein treffendes Wort, das viele Sachverhalte enthält, in denen
angestrengte, wenn nicht gewaltsame Dehnungen vorgenommen werden. Zerreißproben
also wieder ein Wort, in dem das Sperrige der Spreizung mitenthalten
scheint.
In der Spreizung hat Roger Loewig sich eine zentrale Metapher erfunden,
die alles, was ihm durch den Kopf ging und in die zeichnende Hand drängte,
zur Chiffre verdichtet und zugleich viele Möglichkeiten der Differenzierung
anbietet.
2.
Diese Chiffre auf Menschen, Vögel und Landschaften gleichermaßen
anwendbar bildete sich in den späten sechziger Jahren heraus.
Das Magma, von dem sie sich signalhaft abhebt, ist ein Gekröse
aus lauter wuchernden oder abgestorbenen Keimlingen und Zwittern, wie
sie der biomorphe Surrealismus als Verstecke seiner Anspielungen benutzt.
Richard Oelze war der Virtuose dieser unheimlichen Vegetation. Seine
linearen Triebe mit pflanzenhafter Unersättlichkeit versehend,
hat sich auch Loewig eine Zeitlang in diesen morbiden Zwischenwelten
eingerichtet. Doch dann stellten sich geflügelte Geschöpfe
ein, die sich von dem Gemenge abhoben. Loewig gab ihrem Raumverlangen
rhythmischen, wenngleich meist vom Absturz gefährdeten Einklang
etwa in den Frostgeschwärzten Insekten (Lithographie,
1968) , aber er schrieb ihrem Leib auch eine Unförmigkeit
ein, die sie zu Monstren machte. Das Insekt auf der Flucht
aus dem gleichen Jahr hat eine gespreizte, aufgerissene Anatomie, die
sich nicht mehr dem makabren Schwemmland aus Sumpf und Getier einfügen
läßt. Aber auch das Fliegen ist diesen Fluchtgeschöpfen
versagt, ihr Körper ist in die Schwere abgesackt.
3.
Unvermutet, als wäre ein Kokon aufgesprungen, sind plötzlich
gewagte Spreizungen da: Torsi von Mißhandelten mit gegrätschten
Beinen, die Ravensbrücker Tauwetter anzeigen. Was wir
sehen, ist indes kein Blühen, sondern ein von Winterstarre konservierter
Haufen von Körpern und Gliedmaßen. In der Beschädigung
haben diese Überreste die Härte der Makellosigkeit angenommen.
Weder Fäulnis noch Zerfall sind ihnen anzumerken.
Roger Loewig hat in der Spreizung die entblößende Metapher
für das gefunden, was die Philosophen des Existentialismus als
die Geworfenheit des Menschen bezeichneten. Die gespreizten Beine des
Tauwetter-Blattes, in die sich von unten die senkrechten Balken zweier
Beine hineinstemmen, schreiben sich in unserer Erinnerung als Symbole
des Beharrens und der Widerständigkeit fest.
Die Praktiken der Vernichtungslager machten aus der geworfenen die weggeworfene
Kreatur, deren Kadaver noch an den Verrenkungen trägt, die den
Lebenden von ihren Peinigern zugefügt wurden. Ich schreibe diese
Zeilen an dem Tag, an dem erste Nachrichten über die 58 Toten bekannt
werden, die man im Hafen von Dover erstickt oder erfroren
in einem LKW gefunden hat. Loewig würde diese Schande nicht unkommentiert
gelassen haben.
4.
Alle die namenlosen Opfer der Unmenschlichkeit sind in ihrer Hilflosigkeit
Gegenbilder des menschlichen Wagemuts, der sich die Welt unterwerfen
möchte. Auch dorthin, in die Hybris des Helden, hat Loewig seinen
Blick gerichtet, und er brachte davon den Vergessensschlaf des Ikarus
zurück. Ein vielschichtiges Blatt, das im räumlichen Übereinander
drei Phasen eines Scheiterns zusammenführt. Vorne ist der abgetrennte
Schädel des Abgestürzten in der Armbeuge geborgen. Der Arm,
allmählich zum kahlen Geäst verdorrend, greift mit einem anderen
Armfragment in den Raum. Die Mittelzone enthält eine Spreizung
par excellence: weit aufgerissene Beine, die dort, wo sie sich voneinander
trennen, eine Art Geschlechtshügel bilden. Nicht männlich
und nicht weiblich determiniert, ist dieses Gewebe eine Metapher vegetabiler
Aus- und Einstülpungen. Solcherart erinnert die Spreizung noch
an das Ganze eines Geschöpfs, das zerbrochen ist, zugleich aber
hat sie keimende Energien in sich, die aus ihr eine Landschaft in statu
nascendi machen. Dahinter, sanft gleitend, das gespreizte, künstliche
Flügelpaar: ein behutsamer Beschluß der aufgerissenen menschlichen
Fragmente. So bleibt die Spreizung eine offene Wunde, wird aber zugleich
in einer den Schmerz überwindenden Metamorphose aufgehoben, die
bei Ovid stehen könnte.
5.
Roger Loewig hat den alten Mythen nur kurze Besuche abgestattet. Seine
Welt, an der er litt und die ihn im doppelten Wortverstand fesselte,
war die mythenferne Gegenwart, die dem Menschen seine Selbstzerstörung
ohne Trost bereitet. Loewigs Anklagen waren nicht nur von Trauer über
die Entmenschung seines Landes getragen, nicht nur Zeugnisse deutscher
Todessüchtigkeit, sondern auch solche des widerstehenden Lebenswillens.
Dabei schlug der Dichter manchmal andere Wege als der Zeichner ein.
Wir werden schon zu unsrem Land
Zu Aufschrei du und Vogelfittich
Und ich zur breiten Brust der Felder
Am Minengürtelrand
Die erste dieser vier Zeilen gibt den Titel einer Zeichnung ab, deren
Aussagen die folgenden erläutern und doch auch verschlüsseln.
Die gespreizten Beine eines Riesenleibes dessen breite
Brust in der Tiefe der Felder lagert flankieren einen ragenden
Phallus, der sich in einen knienden Körper bohrt, den ein Vogelfittich
so umfängt, daß beide eine Einheit bilden. Die aktive Spreizung
der Arme antwortet der passiven der geöffneten Beine. Stacheldraht
und ein winziger Wachturm bilden den zeitgenössischen Kontext dieses
Mals, das alles in der Schwebe beläßt. Enthält diese
Gebärde Verzweiflung oder Triumph, einen Hilferuf oder eine Mahnung?
6.
Solche Fragen zieht auch das Denkmal des Einsamen (1969)
auf sich, das die Spreizung neu akzentuiert. Sie bildet die Basis dieser
Stele, doch tritt ihr formales Gewicht gegenüber dem Rumpf und
dem übergroßen Schädel zurück. Der Denkmalgedanke
beschwört eine Einsamkeit, die keine Paarung, keine stoffliche
Vermischung sucht. Der Blick ist nach innen gerichtet. Das Luftgebilde
im Hintergrund ist wehendes Wachstum, aus dem sich die Leibspindel eines
Androiden herausschält.
In Rom entstand 1973 Im Sog der alten Äcker heimwärts.
Da und dort sind in den Ackerfurchen noch hingestreckte Menschenleiber
zu erkennen. Ein Vogel mit riesigen Schwingen ist dabei, die Weggeworfenen
einzuebnen, mit seinen Schwanzflügeln in den Boden zu fegen. Doch
sein Flug scheint ermattet, von der Schwerkraft der Erde angesogen.
Bald werden seine gespreizten Flügel in die Waagerechte des Horizonts
einsinken.
7.
Ich habe diese Werkgruppe der Spreizungen zu-sammengestellt, um ein
Leitmotiv, eine Schlüssel-figur des Zeichners Loewig zu veranschaulichen.
In dieser Figur objektivieren sich auch Spannun-gen, von denen die Beziehung
des Zeichners zum Dichter, seinem alter ego, geprägt war. Diese
Be-ziehung stellt sich mir als komplementärer Gegensatz dar.
An Doppelbegabungen ist in der Kunst- und Literaturgeschichte der beiden
letzten Jahrhunderte kein Mangel, aber selten sind die Fälle, wo
die beiden schöpferischen Impulse einander nicht behindern oder
bevormunden, sondern sich in ihren Aussagen ergänzen. Das war bei
Loewig der Fall. Ausgestattet mit der Neigung zu graphischen Vermengungen,
die ein geduldig suchendes Auge verlangen, kam er rechtzeitig zu dem
Entschluß, dieses Dickicht der bequemen Verlockungen zu verlassen
und sich auf wenige, zeichenhafte Figuren zu konzentrieren, wozu eben
ganz wesentlich die Spreizung gehört. Damit trat der Zeichner dem
Dichter das tief und breit gestaffelte Terrain ab, in dem das Wort seine
schweifenden Erkundungen vornimmt, die bis in die Bildlosigkeit reichen:
bleibenot
aufbruchnot
wegenot
Wo wäre dafür die zeichnerische Entsprechung? Aber es gibt
auch das Echo der gegenseitigen Bekräftigung:
...
verwundbar am hals
und fliegenmüssen
wo die schwere zunimmt
wo aus den füßen wurzeln schlagen
Das sind Wortbilder, die uns von den Zeichnungen her vertraut anmuten.
So überträgt sich die Spreizung in Gestalt eines riskanten
Dialogs auch auf das Aus- und Gegeneinandertreten von Wort- und Bildaussagen.
8.
Als Öffnung in entgegengesetzte Richtungen aufgefaßt, bekommt
die Spreizung einen neuen Akzent. Sie verausgabt sich nicht im Herstellen
von gegensätzlichen Positionen, sondern sucht nach solchen, die
sich vielleicht zusammenfügen oder wenigstens einander annähern
lassen. Das hat Loewig im Hinblick auf Polen getan. Ging und geht es
den Nationalismen darum, das Nebeneinander der Völker zu Reizbildern
auseinanderzuzerren, war er darauf bedacht, diese Spreizungen zu beseitigen.
So wurde aus der Chiffre, die sich über Menschen, Vögel und
Landschaften legt, letztlich eine konkrete Geste der Versöhnung,
ein tastender Brückenschlag zwischen den Nationen. Das im Jargon
der Politiker verkommene Wort ist hier angebracht.
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