Roger Loewig Gesellschaft

„...behaftet mit den Stigmen des Gequält- und Zerrissenseins,
mit den Zeichen des Todes ...“1

Ulrike Kuschel: Sterben und Tod im Werk von Roger Loewig

„Die ersten Kriegstage fanden mich in der niederschlesischen Provinzstadt Oels an eine Straßensperrung gelehnt, den an- und abrollenden Kriegsmaschinen nachgaffend, mitvibrierend mit dem Gerassel und Gedröhn, ringsum nationale Größenwahnhysterie, eine Woche darauf erschienen die Spalten der Gefallenenanzeigen.“ So erlebte Roger Loewig 1939 als Knabe den Beginn des Krieges, dessen Eindrücke – nach 1945 durch die Beschäftigung mit Literatur über Gefangenen- und Konzentrationslager erweitert – ihn nachhaltig prägten und die Basis für sein gesamtes späteres Schaffen abgeben sollten. „Die Beweggründe für dieses Werk wuchsen vor einem Hintergrund, dessen Szenerie der Ausgang und das Erbe des 2. Weltkrieges bilden. Das Erbe, das ist eine verschüttete, ihrer Werte entblößte Welt, das ist ein unverlöschbares brennendes Schuldgefühl angesichts der vielen Massengräber“, heißt es in einer Niederschrift des Künstlers von 1966. In seinen Bildern und Zeichnungen wie auch in seiner Druckgraphik thematisierte Loewig oftmals persönliche Erlebnisse in offener oder verborgener Form. Es ist deshalb verständlich, daß die eindringlichen Kriegserfahrungen zum Auslöser für die Auseinandersetzung mit dem Tod und zu einem der wesentlichen Themen in seinem bildkünstlerischen Oeuvre wurden. Loewig trifft eine Unterscheidung zwischen dem Sterben, das er auf unterschiedliche Art und Weise zeigt, und dem endgültigen Tod oder Verenden in der Natur. Meist handelt es sich um die Beendigung des menschlichen Lebens durch Krieg und Gewalt, in wenigen Ausnahmen aber auch um die Würde des Menschen im Tode, der naturgegeben ist.

„Eine zerstörte Welt“2

Bereits in seinen frühesten Arbeiten in den fünfziger Jahren befaßte sich Loewig mit Sterben und Tod unter dem Blickwinkel der Folgen des Zweiten Weltkrieges. Er führt in seinen Bildern immer wieder Kriegsversehrte vor, wie er sie bei seiner Flucht und in der Nachkriegsrealität gesehen haben mag. Die Krüppel sollten eine stete Mahnung für die Zeitgenossen sein. So gibt Loewig in seinen ersten malerischen Arbeiten nicht das Kriegsgeschehen selbst und den Vorgang der Vernichtung wieder, sondern den Zustand danach. Das vergangene Ereignis tritt nur auf indirekte Weise in Erscheinung, in der Darstellung des unwiderruflichen Eingriffs in das Leben der Menschen.

Loewig näherte sich dem Thema mit den künstlerischen Mitteln des Expressionismus, beispielsweise in der Arbeit „Ecce homo I“ von 1957, deren Motiv dann 1962 im Rahmen der Folge „Schandmale“ wiederaufgenommen wurde. Ins Bildzentrum stellt er den elenden, ausgemergelten und entblößten Körper eines auf einen Holzkarren gesetzten Mannes, dessen rote Augenhöhlen darauf hinweisen, daß er erblindet ist. In seiner Nacktheit und damit in seiner ganzen Verletzlichkeit wird er dem Betrachter gewissermaßen entgegengeschoben, und so hat dieser keine Möglichkeit, sich der gebotenen Realität zu entziehen. Nicht nur das Leben des Blinden ist zerstört, sondern auch jenes der den Karren in gebückter Haltung schiebenden dunklen Gestalt. Familie und Umwelt sind einbezogen. Die Ruinenhäuser in der grell erleuchteten Landschaft im Hintergrund variieren das Thema der Zerstörung auf der materiellen Ebene. Ähnliche Mauerskelette und Ruinen finden sich in vielen von Loewigs frühen Arbeiten. Man spürt die starke eigene Betroffenheit des Künstlers, der es sich bereits in dieser Zeit zum Ziel setzte, gegen das Vergessen zu arbeiten. In der frühen Phase seines Schaffens kam es Loewig noch auf direkt anklagende Inhalte und die Ansprache an einen imaginären Dialogpartner an, von dem er sich eine emotionale und moralisch verpflichtete Reaktion erhoffte. Andererseits fanden aber die Werke keinen Zugang zur Öffentlichkeit, und damit fehlten ihnen die Betrachter zu einer unmittelbaren Konfrontation. Eine Aufnahme in Ausstellungen wurde ihnen nicht zuteil, und auch Freunden zeigte sie der Künstler nur sehr selten. Trotzdem arbeitete er unermüdlich weiter an diesem Themenkreis – zur Verarbeitung des ihn selbst schwer Bedrückenden und wohl auch aus der Wut über die Verdrängung der unliebsamen Vergangenheit durch seine Zeitgenossen heraus. So könnte das Frühwerk zugleich die Aufgabe einer tatsächlichen Lebenshilfe gehabt haben.

Zu Beginn der sechziger Jahre wandte sich Loewig mehr und mehr von der Malerei ab und der Zeichnung zu, die schließlich zum Schwerpunkt seiner Arbeitsweise wurde. 1961–63 entstand der großangelegte – durch die Konfiszierung bei Loewigs Verhaftung von ehemals 65 auf heute 42 Blätter geschrumpfte – Zyklus mit dem Titel „Bilder aus meinem Leben“. In expressiven Rohrfeder-Strichen beschreibt die Folge Stationen von Loewigs Flucht vor dem Krieg und verschränkt sie mit biographischen Einzelheiten aus dem Leben von Creszentia Troike, der späteren Lebensgefährtin Loewigs, die dieser zum Zeitpunkt der Flucht noch gar nicht kannte. In den Darstellungen bilden immer wieder Ruinenstädte den Hintergrund, und durch identifizierbare Details, so etwa eine zerstörte Rundbogenbrücke über die Elbe, geben sich Durchgangsstationen wie Dresden und Leipzig zu erkennen, die der Künstler auf der Flucht mit seiner Mutter wirklich berührt hat.

Andere Blätter beziehen eine allgemeinere Position zur Zerstörung im Krieg, zum Beispiel die Zeichnung „Lange Menschenzüge“. In einer öden Landschaft, in die sich eine Front bombengezeichneter, instabiler Häusergerippe ausdehnt, zieht eine potentiell endlose, sich am Horizont verlierende Schlange obdachlos Gewordener gegenläufig heran. Wieder hat der Künstler in der Absicht der Konfrontation formuliert: Die den Zug anführenden abgemagerten Gestalten wenden sich wie paralysiert frontal dem Betrachter zu. Nur eine von ihnen schert, obwohl noch immer in die durch das hereingebrochene Unheil bedingte Gemeinschaft integriert, gleichsam aus: Den Mund zum Schrei aufgerissen, die Arme nicht resignativ gesenkt, sondern zu einem Weisegestus abgewinkelt, greift sie in die den zerstörten Häusern entgegengesetzte Richtung aus – die einzige Geste der Auflehnung und Anklage gegen ein nur apathisch hingenommenes Schicksal. Doch der Schrei verhallt in der Weite des Raumes. Überreste ungesühnten, im Krieg verübten Unrechts zeigt eine weitere Arbeit aus der autobiographischen Folge. Im Blatt „Aus den Baracken quillt der Tod“ offenbart das wohl durch Kriegsgeschehen zerborstene Dach eines niedrigen Gebäudes als grausigen Fund Berge von Totenschädeln, die so dicht gelagert gewesen zu sein scheinen, daß sie nun mit Wucht aus dem aufgebrochenen Gehäuse herausquellen und nicht mehr zurückgedrängt werden können.

Auch später schuf Loewig immer wieder Ansichten zerstörter Städte und Landschaften. Zu den beeindruckendsten Blättern gehört die großformatige Bleistiftzeichnung „Die Totenstadt“ von 1967 (Abb. S. 67). Nur ein Areal vereinzelter, kaum Fensterdurchbrüche aufweisender und so alles Menschenbezogenen entkleidet scheinender kompakter Mauern blieb hier stehen nach einem kriegerischen Akt des Verderbens, der durch zwei Flugzeuge über der Szene gekennzeichnet ist. Unmengen toter menschlicher Körper liegen vor und zwischen den Ruinen. Inmitten eines sich aus kleinen Leibern auftürmenden Leichenbergs steht eine Frauengestalt, hilflos bemüht, wenigstens zwei Körper – wohl die ihrer Kinder – vor dem Untergang im Haufen der Namenlosen zu retten. Den einzigen Hoffnungsschimmer, der auf eine ungewisse Zukunft der Menschen fällt, verbürgt eine Gebärende am linken unteren Bildrand.

Wie die Vernichtungen durch den Krieg oder ähn-liche Gewalttaten gegen Menschen Roger Loewig nicht aus dem Sinn gingen, so ließ ihn sein Gewissen auch in bezug auf die Grausamkeiten nicht ruhen, die von Deutschen im Dritten Reich am jüdischen Volk begangen worden sind. Viele Blätter von ihm stellen direkt oder indirekt einen Kontext zu Auschwitz und dem Tod in den Gaskammern her. In der 1965 lithographierten Folge „Jüdischer Zyklus“ findet das Martyrium des jüdischen Volkes einen ergreifenden Widerhall, so aber auch schon in vorausgegangenen Arbeiten wie der Zeichnung „Scheiterhaufen für ein ganzes Volk“ von 1963. Die sechsteilige Lithographien-Folge „Epitaphe“ aus dem Jahr 1972 hat Loewig explizit „allen von angehörigen meines volkes zur zeit nationalsozialistischer herrschaft hingemordeten jüdischen kindern“ ge-widmet. Das dritte Blatt dieses Zyklus trägt den Titel „gastotentanzgesichte“. Es zeigt links im Vordergrund die Köpfe dreier Kinder, die ihre Augen geschlossen halten. So können sie die grausame Szene im Bildhintergrund nicht sehen, in der sich vier dürre Gestalten vor einem Mauerrest zu einem bizarren Tanz verrenken. Die Körper sprechen von Hunger, von unerträglichen Wohn- und Sanitärbedingungen, von Krankheiten und von Folterungen, die sie vor ihrer Exekution in der Gaskammer erlitten haben. Die Arme in Richtung des unsichtbar ausströmenden Gases erhoben, werden sie zu Sinnbildern aller im Konzentrationslager vergasten Juden. An die Stelle der Duschköpfe ist der offene Himmel getreten. Durch die Kinder im Vordergrund erhält die Szene eine weitere Bedeutungsebene: Der irreale Gastotentanz scheint wie ein Bild zwanghaft aus ihrer Erinnerung aufzusteigen und auf den erlebten Verlust von Familienangehörigen hinzuweisen.

Die Getöteten, die Opfer in Loewigs Bildern, obwohl zum Verstummen gebracht, sind dennoch „sprechend“. Sie reden durch ihre Haltung, wie im Falle des gerade erwähnten Totentanzes, oder sind über den Ausdruck ihrer Gesichter beredt. In einer Bandbreite des Leidens oder Erduldens, durch ein unausweichliches Sich-Fügen in das Schicksal machen sie den Betrachter zum Zeugen ihrer Qual. In den Bildern der sechziger Jahre fehlen anfangs vielfach die Gesichter, die eine solche Botschaft transportieren könnten, dafür treten stark beschädigte Figuren, Torsi, in einer häufig klagenden Haltung auf. Allmählich entwickelte Loewig einen negroiden Gesichtstypus, bei dem meist die Augen geschlossen sind, wie in „gastotentanzgesichte“, oder oft auch die Augenhöhlen leer erscheinen.

Wie unbegreiflich Loewig das rationell durchgeplante Auslöschen von Menschenleben in den Konzentrationslagern gewesen ist, zeigen die Blätter, die gerade den industriellen Aspekt dieser Vernichtung in den Mittelpunkt stellen. Mehrfach taucht sie aus seiner Vorstellung auf: die „Totenfabrik“. Als Annäherung an eine 1969 erfolgte bildliche Realisierung darf die im gleichen Jahr geschaffene – sich auf eine tatsächlich existierende Anlage beziehende – Zeichnung „Tierkörperbeseitigungsanstalt Kussewitz“ gelten, welche den Blick über eine Art Rampe auf die in einem fabrikzugehörigen ruinösen Mauergeviert zur Verbrennung angehäuften toten Tiere lenkt. In dem Blatt „Totenfabrik – Dem Vergessen entrissene Menschenvernichtungsmaschinerie“ sind es dann eben Menschen, die wie dort das zu entsorgende Vieh darauf warten, massenweise den Öfen überantwortet zu werden.

Loewig zieht in seiner Kunst Bilanz, sowohl hinsichtlich des Zweiten Weltkrieges als auch und vor allem dessen, was dem jüdischen Volk angetan worden ist. Aber das Sterben im Krieg und der Untergang der besonderen Opfer des Nationalsozialismus sind nicht ausschließlich gemeint. Es geht Loewig darüberhinaus allgemeiner um die Ungerechtigkeiten, denen Menschen weltweit ausgesetzt waren und noch sind, wie der Künstler im zweiten Teil der Widmung der Epitaphe ausführt: „und allen seitdem fortan bis zum heutigen tage im namen irgendeiner ideologie irgendeines bösen hasses getöteten kindern der welt.“ Bereits in dem Text, der dem Blatt „Die Totenstadt“ beigegeben ist, hat sich Loewig gegen die Beschränkung der Aussage durch die einseitige Vereinnahmung als Dokumentation der Vergangenheit gewehrt: „Ich habe aus der schrecklichen Fülle des Wahren gedichtet und verdichtet und Metaphern geformt für menschliches Schicksal auf der einen Seite und für schreckliches menschliches Versagen auf der anderen Seite.“ Über sein Requiem für die Betroffenen hinaus warnt der Künstler vor der Wiederholung der Untaten.

Roger Loewig ist mit seinen Werken bei den Verfolgten und Leidenden, für die er ausnahmslos und ohne Einschränkung Partei ergreift, den Verursachern des Unheils hingegen gibt er kein Antlitz. Mit Absicht nimmt er sie nicht unmittelbar ins Bild, wie er mehrfach betont hat: „Quäler und Mörder stehen außerhalb, die vielgesichtigen Demagogen und ihre Interessen, die Brandstifter, Fackelträger und Geißelschwinger.“ „... Nie habe ich die Fratzen der Henker und Zerstörer in die Szene einbezogen.“ Symbolhaft erscheinen sie allerdings sehr wohl im Bild, nicht selten beispielsweise in Form von todbringenden Flugzeugen, wie sie in der erwähnten Zeichnung „Die Totenstadt“ auftreten. Dem Künstler waren bei seinen Motorradfahrten durch den Fläming Flieger bei ihren militärischen Übungsflügen aufgefallen. Der Kontrast, den sie zur Friedlichkeit der ländlichen Gegend boten, hat sich ihm intensiv vermittelt, wovon der bedrohlich über die Landschaft hinwegjagende Flugkörper mit Stachel in der 1970 entstandenen Zeichnung „Loewig fährt durch den Fläming, den Tod über sich“ Zeugnis ablegt.

Immer wieder sind es die Folgen der zerstörerisch waltenden Kräfte, die Loewig darzustellen unternimmt. Daß er sich schon zu Beginn der sechziger Jahre mit den Auswirkungen eines Atomkrieges auseinandergesetzt hat, beweisen die beiden Silberstiftzeichnungen „Wesen, unfähig zu leben“ und „Welt, künftig unbewohnbar“ von 1962. Ein unfaßbares Inferno beschwört der Künstler mahnend herauf, eine völlig aus den Fugen geratene Welt. Durch den Himmel rasen in wirrem Durcheinander unheimliche Schwaden hier, Geschosse und Flugkörper dort; einst stabile Hochhäuser kommen ins Stürzen, kein Stein bleibt auf dem anderen. Die noch anzutreffenden Wesen, zerfasert und mit Mulden versehen, in denen sich Augen eingenistet haben – zwei Figuren sind zudem miteinander verwachsen –, erinnern nur noch entfernt an Menschengestalten. Dies sind Bilder einer vollständig zerstörten Welt – ein surrealistischer Einblick in eine grausame Zukunft, den Loewig hier gewährt. In dem späteren, von 1969 stammenden Blatt „Die Menschenschutthalde“ genügt dem Künstler als Hinweis auf die Verheerung durch eine Atomexplosion die in zartester Zeichnung ausgeführte pilzförmige Rauchwolke im Zentrum des Bildes. Dräuend schwebt sie über dem Horizont, und selbst das Weltall bleibt von der Katastrophe nicht verschont: Ein Gestirn mit kometenhaftem Schweif verbrennt. In der durcheinandergewirbelten Umwelt mit Bergen von Toten sind keine Spuren einer menschlichen Siedlung mehr zu finden, nicht einmal Mauerreste deuten auf den ehemaligen Lebensraum der Getöteten hin. Jegliche Vegetation wurde niedergemäht, zurückgeblieben ist eine wüste Landschaft.

In anderen Szenarien stirbt die Landschaft an großen Flutkatastrophen oder Versumpfung. Der biologische Verfall steht, ins Symbolische gesteigert, als Chiffre für Untergang, für die Bedrohung empfindlichen Lebens. Doch auch der Mensch selbst mischt sich aktiv und aggressiv in Naturabläufe ein. Sein gewalttätiges Verhalten betrifft also nicht nur den Mitmenschen, sondern auch die Tier- und Pflanzenwelt. Letztlich richtet es sich gegen den eigenen Lebensraum, dessen Tod Loewig vielfach seine Aufmerksamkeit schenkt. Wieder werden die Verursacher nur selten ins Licht gerückt, was sie aber angerichtet haben, zeitigt sichtbare Narben im geschädigten Land. Verweisen die Zeilen eines Gedichts von 1967: „Gelbes, ödes Land, irrlichtig, krank, / das die vielen flachen Gräber schlecht / zudeckt ...“ noch auf den Krieg, so tritt doch zunehmend der unverantwortliche, sorglose Umgang mit der Natur und deren Ausbeutung in das Blickfeld des Künstlers. Besonders im Spätwerk stößt man auf zahlreiche Zyklen zu dieser Thematik und ebenso auf Einzelblätter, von denen eines von 1991 „Ermordetes Meer (Ölpest)“ heißt. In seinen letzten Buntstiftzeichnungen hat Loewig mit roter Farbe die Vergiftung von Boden und Land markiert.

Wenn es der Natur möglich ist, verläßt sie nach dem Willen des Künstlers die vom Menschen vergiftete Umwelt, wie es „Wegwandernde Bäume“ praktizieren. Kahlgewordene Bäume fliehen aus dem kargen Landstrich, sie laufen auf den Spitzen ihrer Wurzeln fort. Sie haben diese aus der Erde gezogen, obwohl sie ihnen Halt gaben und ihre Versorgung aus dem Grund sicherten. Nun scheint das Bleiben mit der Aussicht auf den sicheren Tod gefährlicher als die Flucht. Die Umweltzerstörung selbst symbolisieren dicht gedrängt am Horizont stehende Fabrikschlote, aus denen Rauchwolken in den Himmel aufsteigen.

Kollektives Sterben und individueller Tod

Loewigs künstlerische Hinwendung zur Leidensgeschichte von Unterdrückten, Ausgestoßenen und Diskriminierten kennt sowohl den individuellen Tod von Einzelwesen wie auch das unterschiedslose Sterben in Menschengruppen. In einer Vielzahl von Blättern befällt der Tod Ansammlungen von Tieren und Pflanzen oder die für die sechziger Jahre typischen Mischgestalten. Durch die Zusammenballung von Körpermassen zu Haufen verschwindet der vollständige Körper des Einzelwesens. Nur fragmentierte Überreste ragen in Blättern wie „Die Menschenschutthalde“ aus der Aufhäufung menschlicher Leiber heraus, und selbst der in diesem Werk separierte, übergroße Körper in der linken Bildhälfte ist nur ein Torso und als solcher noch stigmatisiert. Die Körperhaufen verschmelzen mit der Landschaft, es bildet sich eine andersgeartete Oberfläche der Erde aus. Die Metamorphose von Körpern zu Hügeln läßt eine neue, makabre Landschaft entstehen.

Bis zur Mitte der sechziger Jahre erfahren die menschlichen und menschenähnlichen Wesen im Werk Roger Loewigs zunehmend eine körperliche Reduktion. Sie mergeln allmählich aus, verlieren das Fleischliche, bis sie, wie in der Folge „Wirbelsäulenwälder“ des Jahres 1966, zu skelettierten fremden Geschöpfen in einer ebenfalls kargen Landschaft mutieren. In den folgenden Jahren erfolgt jedoch eine Rückkehr zum Körper in seiner fleischlichen Existenz, der nun aber der Ort der Schindung des Menschen wird.
Das Sterben des Einzelnen, das als Sinnbild für den geschundenen Menschen allgemein steht, stellt Loewig häufig durch die Verletzung der äußeren Hautschicht seiner Figuren dar. So sind in der Zeichnung „Warnung an Ikarus“ aus der Folge „Schiffbrüchige“ Abb. S. 62), gleichfalls von 1966, die durch weitreichende Verstümmelungen zu Ruinen gewordenen Gestalten, Mensch wie Vogelwesen, der schützenden Hautschichten beraubt, und ihr Inneres tritt schmerzhaft zutage. Knochen und Gedärme werden sichtbar. Qualvolle Verzerrungen der Körper begleiten die Versehrtheit und steigern den Ausdruck des Leidens. Ein Emporrecken des Arms zur Geste des Wehklagens bleibt der Ikarus-Figur durch die Reduktion der Extremitäten auf Stümpfe verwehrt.

Eine Reduzierung auf den Torso wie im Falle des erwähnten Blattes „Die Menschenschutthalde“ ereilt viele der Einzelgestalten Loewigs. So ist sie auch in den fünf Varianten der Lithographie „Denkmal des Einsamen“ (Abb. S. 24) zu verfolgen, die 1969, im gleichen Jahr wie jene Zeichnung also, entstanden, und sie wird ebenso sichtbar in der sich dieser Reihe anschließenden vierfarbigen lithographischen Ar-beit „Leibturm im Nordlichteis“ von 1970.
An dieser Stelle sei noch auf ein weiteres Sinnbild der Schindung des Menschen hingewiesen, das von Loewig in Weiterentwicklung des christlichen Motivs der Kreuzigung in Blättern wie „Ödlandkreuzigung II“ (Abb. S. 82) geschaffen worden ist und den verfremdeten Marterleib, auf Spieße aufgepflanzt, gleich einer Fahne im Wind zeigt.

Die Wahl einer drastischen, „häßlichen“ künstlerischen Sprache entsprang dem vertieften Wahrheitsverlangen Loewigs. Das Verlassen der äußeren Hüllen beschönigender Konventionen ließ ihn vor allem in den sechziger Jahren zerstückelte und zerfetzte Kreaturen hervorbringen. Zu keiner Zeit gab es für ihn ein „l’art pour l’art“. Er war der Vertreter einer engagierten Kunst, der angesichts einer in Schuld, Lügen und Elend verstrickten menschlichen Gesellschaft seine Fragestellungen zunehmend auf globale Probleme ausdehnte und für den nichts dringlicher war, als seiner Überzeugung in Worten und Bildern Ausdruck zu verleihen.

Die „Totengesichter“

Der von Loewig zumeist gezeigten gewaltsamen Vernichtung von Mensch und Natur steht eine frühe Werkreihe gegenüber, in der der Künstler durch die Wiedergabe von Toten dem natürlichen Ende des menschlichen Lebens bildhaft Raum gibt (Abb. S. 52–53). Diese Reihe entstand 1965, als Loewig nach seiner Haftentlassung wieder das Krankenhaus St. Antonius in Friedrichshagen aufsuchte, in welchem seine Mutter 1961 gestorben war. In der dortigen Totenkammer zeichnete er – wohl auch ein Akt der Trauerarbeit, bezogen auf die Mutter – ungefähr 30 Blätter, denen später vereinzelt weitere Zeichnungen von Verstorbenen folgten. Die Bedeutung dieser Reihe für sein kommendes Werk hat Loewig mehrfach herausgestellt, sowohl im Hinblick auf seine druckgraphischen Arbeiten als auch auf einzelne wichtige zeichnerische Blätter wie „Großes Panorama“ (Abb. S. 15).

Die Gesichter der vornehmlich alten Menschen sind wie im Übergang vom Schlaf in den Tod erfaßt, friedlich in ihrem Ausdruck, ohne Zeichen eines anstrengenden Todeskampfes. Diese Menschen scheinen tatsächlich an einem natürlichen Ende ihres Weges angelangt. Doch handelt es sich bei den Bildern nicht um Porträts der Verstorbenen im engeren Sinne, zumal Loewig in keiner persönlichen Beziehung zu den Toten stand. Ihm ging es hier nicht wie bei der Auseinandersetzung mit Physiognomien berühmter Persönlichkeiten, die ebenfalls in seinem Werk zu finden ist, um das konkrete Aussehen der Personen. Loewig formuliert allgemeingültiger eine Aussage über das Ende des menschlichen Lebens in Würde. In einem Text von 1970, der als Vorwort für eine geplante, letztlich aber gescheiterte Veröffentlichung der Folge entstand, schildert der Künstler die Betroffenheit, die sich seiner bei jener Tätigkeit bemächtigt hat, aber auch die Ergriffenheit vor der „Schlichtheit, ... Würde und Schönheit des erkalteten Menschengesichts ...“. Daß die hier beim Anblick des Todes empfundene Würde des Menschen auch dem Lebenden zukommen soll, war sein sehnliches Anliegen, um das sein Denken und Fühlen unaufhörlich kreiste als Grundlage seines künstlerischen Lebenswerks.

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1. Aus dem Text „Ödland“ zur gleichnamigen Lithographien-Folge von 1966.
2. Titel eines Triptychons, Federzeichnungen von 1965 im Besitz der Staatlichen Museen zu Berlin.