Roger Loewig Gesellschaft

Dietger Pforte: Zum Werk des „andersäugigen“ und „anderssprechenden“ Schriftstellers Roger Loewig

Ich bin zu stumm geworden, zu befangen,
um noch durch diese hohle Zeit zu dringen.
Es gibt für mich auch nichts mehr zu besingen.
Es ist zu spät, noch einmal anzufangen
(1972)

Unmittelbar nach seiner Übersiedelung von Ost- nach West-Berlin scheint Roger Loewig zu finden, was er zuvor vergeblich gesucht hat: einen Kreis von Kolleginnen und Kollegen, die zwar recht verschiedene ästhetische und politische Ansichten haben, aber tolerant miteinander umzugehen verstehen. Zählt doch Roger Loewig zu den Mitgliedern der 1972 in West-Berlin von Aldona Gustas gegründeten Gruppe „Berliner Malerpoeten“, zu der auch Individualisten wie Günter Grass und Oskar Pastior, Günter Bruno Fuchs und Wolfdietrich Schnurre gehören.
Indes: diese Gruppe war und ist keine Gruppe, sondern existiert als in Ausstellungen realisierte Idee ihrer Erfinderin Aldona Gustas. Auch in West-Berlin bleibt Loewig ein Einzelgänger. Dazu trägt nicht zuletzt sein radikaler und nüchterner Blick auf unsere „Welt des Wohllebens“ bei, der ihn erkennen läßt: „in der Welt des Luxus und des Glanzes [...] umgeben mich Hiroshima, Maidanek, Theresienstadt, die Massengräber in der Ukraine, die von Napalm und Phosphor ausgelöschten Äcker und Städte, die Schädelstätten und Schlachtfelder des aufgeklärten, zivilisierten 20. Jahrhunderts, seine Kerker und unterirdischen Folterkammern“.
Roger Loewig will nicht zu jenen gehören, die wegschauen, um sich zu entlasten, die gar meinen, vergessen zu müssen, in was für einer Welt wir leben, um selbst leben zu können. Loewig schaut genau hin und drückt seine Erkenntnis aus in seinen Bildern, Zeichnungen und Graphiken, in seinen Bildbeschreibungen, Erzählungen und Gedichten: „als Mahnung an uns, als einen grauenhaften Spiegel entsetzlichen Versagens, als Warnung für Nachkommende und nicht zuletzt aus dem Schuldgefühl vor jenen, denen ich nicht anders helfen kann, als ihren Opfergang, ihre Angst, ihre Verzweiflung, ihr Heldentum umzudeuten in gezeichnete Szenerien verschütteter Welten“.
Schreibt Loewig dies bereits 1967, so fügt er 1992 hinzu: „Andere Sorgen und Ängste, schon seit langem und nicht erst seit heut, nennen meine Zeichnungen. Sie nennen die Sorgen um den immer schlimmer werdenden Zustand der Welt, der von Rauch getrübten, von Müllhalden verseuchten, von Abgasen vergifteten, an Tschernobyl erkrankten. Neue Tode springen auf die Weltbühne, neue Kriege flammen auf wie die Waldbrände dieses Jahres, und in ihrem Gefolge treiben wieder Heere von Gefangenen, Flüchtenden, Hungernden. Grenzenloses, unsagbares Elend bleibt dem Erdball weiter aufgedrückt, ,Kainsmal der Erde’. Mal-, Zeichen- und Schreibstifte rennen vergeblich dagegen an, aber das ist kein Grund, sie beiseite zu legen.“

Der Einzelgänger wird wahrgenommen als bildender Künstler und zugleich als Schriftsteller. Denn fast alle seiner – für ihn allzu wenigen und doch sehr zahlreichen – Ausstellungen vermitteln mit seinen Zeichnungen, seiner Graphik, seinen Bildern auch seine Texte: Bildbeschreibungen, Gedichte, die mit den Bildern korrespondieren, Prosatexte, die den autobiographischen Hintergrund der Bilder erläutern, und satirische Erzählungen.
In der Publikation „Etwas unheimliche Zeichnungen oder Verändertes Vokabular“ zu seiner Ausstellung von 20 „doppeltbetitelten Bleistiftzeichnungen“ fügt Loewig „unerläßliche Bemerkungen“ an, wobei aus Kommentaren und Beschreibungen kleine Erzählungen entstehen. Bereits die Doppeltitel – z.B. „,Rollfeld’ oder ,Vater und Sohn und ein hüpfender Fisch inmitten vergessenen Erntegutes, als da sind Kürbisse, Äpfel und Zitronen’“ – erzählen und erklären die dazu gehörende Zeichnung. Die „Bemerkung“ zu diesem Bild wiederum verwandelt sich in eine Dädalus-und-Ikarus-Geschichte und nimmt damit das von Loewig immer wieder in Bildern und in Texten reflektierte Ikarus-Motiv auf. Bei diesen Bilderklärungs-Texten ist dem Künstler Loewig der Didaktiker in ihm nicht ganz geheuer. Sein Vorwort zu „Etwas unheimliche Zeichnungen“ läßt er in die Frage münden: „Ist nicht Geschriebenes am Ende für den Beschauer von Zeichnungen überflüssig?“, die er selbst beantwortet: „Doch das soll er [der Beschauer] entscheiden.“ – Ursula und Günter Feist haben als Beschauer einer Loewig-Ausstellung positiv reagiert, wenn sie schreiben: „Allerdings braucht man sich über die Interpretation des durch die Verwendung von Bleistift gesteigert empfindsamen Blattes nicht den Kopf zu zerbrechen. Die gedankliche Auflösung liefert Loewig mit. Wo er Bilder schafft, dichtet er, und dichtend schafft er Bilder. Worte werden alsbald in Figuren umgesetzt, und Bildformen gewinnen nicht selten auch Sprachform.“1

Haben die Texte bei Bildbeschreibungen eine dienende Funktion, so stehen Loewigs Gedichte „gleichgewichtig neben Bildern, Zeichnungen, Lithographien, Radierungen“, wie Creszentia Troike-Loewig zu Recht in ihrem Nachwort zu Loewigs Gedichte- und Zeichnungenband „Ein Vogel bin ich ohne Flügel“ betont. Es heißt bei ihr weiter: „Derselben Wurzel entstammend, jedoch jedes für sich verständlich und gültig, klingt beides wie in einer Symphonie zusammen, nie illustrierend, interpretierend, sondern als Variationen eines Themas.“ Maßstäbe für Loewigs Schreiben haben „Lyriker wie Heine, Hofmannsthal, aber auch Amerikas Whitman“ gesetzt und „die russischen Dichter des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts“, führt Troike-Loewig aus. Das hat die Literaturkritik gern bestätigt2 und Kafka für die satirische Prosa3 sowie „Hölderlin fürs Gedicht“4 hinzugefügt.

Ein Vogel bin ich ohne Flügel,
im Flämingland auf meinem Hügel
bin ich die alte Mühle ohne Wind.

Ich bin ein Fisch in Aschezeilen,
die Flossen spießen im Gestrüpp,

ein schwarzes Schiff bin ich und leck,
mit vielen hunderttausend Meilen
verfaultem Heimweh unter Deck

Zum Schreiben ist Loewig wie zum Malen gekommen: als Autodidakt Anfang der fünfziger Jahre. Troike-Loewig nennt ihn einen Autodidakten „aus Überzeugung“: „Nur das ganz eigene Bild, das ganz eigene Lied gilt ihm der Mühe wert, hervorgebracht zu werden.“
Obgleich gerade auch die Lyrik Roger Loewigs dank seiner Ausstellungskataloge zusammen mit seinem bildkünstlerischen Werk wahrzunehmen gewesen ist, reagiert die Literaturkritik auf den Schriftsteller Loewig erst nach Erscheinen der beiden Lyrikbände „Ein Vogel bin ich ohne Flügel“ und „Ewig rauchende Kältezeit“ in den Jahren 1979 und 1980 sowie seines vor allem Prosaarbeiten versammelnden Buchs „Eine Hinterlassenschaft“ im Jahr 1981. Mit der Lyrik Loewigs hat sich am intensivsten Harald Hartung auseinandergesetzt. „Vor Jahren hätte man ihn“, schreibt Hartung in seiner Rezension der beiden Gedichtbände, „womöglich als den Dichter der deutschen Teilung begrüßt“, denn „ihm war die deutsche Frage unmittelbar durch seine Biographie aufgeprägt. Sie wurde sein Thema, das in dem Gedicht aufgehoben – und das meint auch aufbewahrt – ist.“5 Hartung weiß freilich auch, „daß solche Töne, wie Loewig sie anschlägt, in den beiden Teilen Deutschlands“ keineswegs „gern gehört würden. Patriotismus ist nicht en vogue, und jemand, den man als Dichter des Vaterlands bezeichnen müßte, dürfte vielen politisch wie literarisch suspekt erscheinen.“ Hartungs Urteil schmeichelt dem Autor: „Loewig kümmert das nicht; er insistiert auf seinem Thema, mag das nun opportun scheinen oder nicht.“

Eingehend beschreibt Hartung Loewigs „Vision des Geschundenen im deutschen Niemandsland“, die der Autor immer wieder aufs neue umkreist und „die seinem Weltbild etwas Statisches, die Züge absoluter Bedrohtheit und Ausweglosigkeit gibt“. Indes – und um diesen Aspekt schlagen die meisten Rezensenten einen Bogen6 – geht Hartung auch auf Loewigs Schreibweise, auf seine Ästhetik ein. Auf Hartung wirken Loewigs Gedichte „eigentümlich zeitlos, obwohl sie ohne bestimmte Zeitumstände gar nicht zu denken wären. Mehr noch, sie wirken auch merkwürdig unpersönlich, obwohl sie immer wieder ,ich’ sagen und um ein Ich kreisen.“ Macht ihn diese Feststellung „neugierig auf den Schreiber der Gedichte“, so scheint ihm fast schon „anstößig“ zu sein, „daß an diesem Lyriker [...] die größeren oder kleineren Literaturrevolutionen, in denen fixiert wurde, was im Gedicht möglich sei oder nicht“, vorübergegangen sind.
Hartung schließt seine Rezension mit der Beobachtung: Loewigs „Sprache kennt nicht die Scheu vor Pathos in Vokabular und Metapher, und selbst wo sie beim Großgemeinten stehenbleibt, berührt sie als Ausdruck eine Haltung, der man Respekt nicht versagen kann“. – Solchen Respekt erweisen auch Max Tau und Edouard Roditi, wenn sie sich von den Gedichten Loewigs „sehr ergriffen“ zeigen7 oder seine Dichtung „mit angebrachter Strenge und Sorgfalt nicht als literarisch, sondern vielmehr als ethisch definiert“ sehen wollen.8

Diese Einschränkung gilt zwar auch für Loewigs Erzählungen. Denn auch sie appellieren „mehr an unser moralisches als an unser ästhetisches Empfinden“, wie Roditi mit Blick auf das bildkünstlerische Werk bemerkt9, was aber generell auf Loewigs Schaffen zutrifft. Loewigs ironische Erzählhaltung führt zu einer Literarizität, die sich von der momentfixierten Bildgebundenheit seiner Lyrik befreit und die Möglichkeiten des Narrativen nutzt. Dies gilt nicht zuletzt für seine Anfang der sechziger Jahre zusammen mit anderen Texten vom Staatssicherheitsdienst der DDR beschlagnahmte und, wie Loewig selbst sagt, erst sehr spät von ihm „nach dem Gedächtnis und an Hand lückenhafter Entwürfe“ wieder aufgebaute Erzählung „Der Turm“. Barbara Meyer hat in ihrer Rezension von Loewigs Band „Eine Hinterlassenschaft“ diese Erzählung als „eine gekonnte Satire auf den DDR-Staat“ bezeichnet und beschreibt: „Der Ich-Erzähler, ein verfemter ,Turmbaupoet’, dem die ,Anerkennung und Berufung der Dachloge’ fehlt, wird zum heimlichen Chronisten einer längst ad absurdum geführten Gesellschaftsordnung. Das Leben im Turm – nach draußen zu gelangen ist unmöglich – wird zum Hasardspiel, dessen Ausgang für jeden Bewohner im Ungewissen liegt. ,Der Fußboden ist nicht sicher, mancher bricht durch. Helfen ist verboten.’ Bereits das Ausdenken von strafbaren Handlungen oder das Geschwätz über den Überbau kann schwerwiegende Folgen haben.“10 Der Turm ist eine Metapher für die DDR.11
„Mächtig erhebt sich der Turm“ – stereotyp wird dieser Satz immer wiederholt. Gleichsam eine säkularisierte Abschwörungsformel ist es, die den Text strukturiert. Der Text ist für jeden, der ihn liest, zweideutig. Der Doppelsinn liegt auf der Hand. Loewig verzichtet in dieser Erzählung darauf, daß erst in der Rezeption des Textes ein geheimer Sinn erkannt wird unter dem Wortsinn. Seine satirische Erzählung bedarf keiner allegorischen Deutung. Die Leser dieser Erzählung verstehen sofort, was wirklich gemeint ist, wenn es heißt: „Unsere Sprache ist im Umbruch begriffen. Sie strebt weg von barocker Schönschnörkelei und hin zur kargen Draufgängergestik endloser Zeitungsverlautbarungen und ähnlich langer Sitzungsbeschlüsse.“ Oder wenn zu lesen ist: „Jeden Gedanken an einen vielleicht vorhandenen Ausgang unten im Fuße des Turmes müssen wir wegdenken, und treibt uns die Anstrengung des Wegdenkens auch den Schweiß auf die Stirn. Gedanken der Art sind verwerflich, unzeitgemäß, zwecklos.“ Die Ironie besticht, wenn es zu der Aussage „Ein Türmer muß turmhoch träumen können“ in der Fußnote zu „Türmer“ heißt: „Bewohner eines Turmes und nicht, wie irrtümlich angenommen werden könnte, jemand, der türmt, das ist, davonläuft.“

Zumindest dialektisch geschultem Verstand entgeht nicht die tiefere Bedeutung des Satzes: „Am Überbau, am Dach noch herumerklären, herumdeuteln zu wollen, bedeutete reinste Zeitverschwendung.“ Fast so, als ob es eine unwichtige Mitteilung sei, fügt der Autor hinzu: „Ich muß leider dazusetzen, das ist auch strafbar“. Solche Paralipsen finden sich in der Erzählung häufig. Und welcher Kenner der jüngeren Geschichte dächte nicht an Stalins „Der Marxismus und die Fragen der Sprachwissenschaft“, wenn er liest, daß „aus der Feder eines der brillantesten Turmgründler und Sprachwissenschaftler“ das „beachtenswerte Werk“ „Turmbautheorie und Sprachwissenschaft“ stamme. In seinem „Nachwort“ zur Erzählung läßt Loewig den „Turm“, der sich „mächtig erhebt“, zwischen „den Jahren 1990 und 1997 [...] mehr und mehr“ verfallen und allmählich einstürzen. Hier zeigt er eine schier prophetische Gabe.
Wie Camus seinen Lesern nahegelegt hat, sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorzustellen, sollten wir uns Roger Loewig in seinen immer wieder neuen Bemühungen, gegen das Elend in der Welt anzurennen, als einen glücklichen Menschen vorstellen. Loewig wehrt sich zu Recht gegen ein Mißverständnis vieler Rezipienten seiner Kunst: „Niemals bin ich Pessimist gewesen“! Denn Loewig ist zu jenen Menschen zu zählen, die „sich aufbäumen gegen die Gewalt, gegen die Maschinerie des fast unentwirrbar scheinenden Bösen, Widerlichen, Unmenschlichen“ und die für ihn „die Hoffnung“ bedeuten. Und deshalb bleibt dieser „andere Mensch, der Bedrohte und Verzweifelte, der mutig Trotzende, der Kämpfende – und wenn auch Unterliegende – [ihm] das einzig gültige Maß, der Kristallisationspunkt aller Bemühungen, die Sehnsucht [seines] Lebens.“
Roger Loewig ist mit seinem literarischen Werk für uns jener „seltene Fang“, von dem er in seiner Erzählung „Im Käfig“ spricht: „der Andersweiße, der Andersäugige, der Andersgreifende, der Anderssprechende, der Anderssehende“.


1. Ursula und Günter Feist: Roger Loewig und der Fläming, in: Berliner Zeitung, 21.10.1996.
2. Beispielsweise Karl Corino: Deutsche Misere und ein deutsches Miserere, in: Stuttgarter Zeitung, 8.3.1980.
3. Jürgen Beckelmann: Der Mutlosigkeit standhalten, in: Mannheimer Morgen, 8.7.1981; Thomas Rietzschel: Auf schmalem Saum im Niemandsland, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.10.1995.
4. Harald Hartung: Ikarus in der Kältezeit, in: F.A.Z., 14.6.1980.
5. Ders., ebd.
6. Rietzschel (s. Anm. 3) immerhin bemerkt in seinem F.A.Z.-Artikel, daß Loewigs Verse „sich bisweilen deklamatorisch“ färbten.
7.-9. Max Tau bzw. Edouard Roditi 1975, zit.n. R.L.: Gemälde – Zeichnungen – Graphik 1956-1978, Ostdeutsche Galerie Regensburg, 1979, S. 12 bzw. 10.
10. Barbara Meyer: Geschichten von Käfigen und vom Zugvogeldasein, in: Neue Zürcher Zeitung, 18.9.1981.
11. Vgl. Jürgen Beckelmann, s. Anm. 3.