Roger Loewig Gesellschaft

Nachwort zum Gedichtband: Mein Kopf fliegt als Mond über dieses Land (Verlag Oberbaum, 2002)

Zu den Bildern, die aus der Erinnerung immer und immer wiederkehren, gehört dieses: Ein Stück weit vor mir gehen Roger Loewig und das Kind durch das Halbdunkel. Wir sind in den Kasematten der Festung Terezin/ Theresienstadt. Er hat seinen Arm um das Kind gelegt. Das Kind zieht ihn zu einer Leiter, auf der die Häftlinge in ihre Pritschen gelangten. Die Sprossen sind ausgetreten bis auf einen Rest. Das Kind weint bitterlich. Beide fahren mit den Fingern über das schmale Holz.

Wenn ich jetzt daran denke, spüre ich wieder den Schatten. Er hat das Kind bis heute nicht verlassen, über Loewig lag er das ganze Leben. Roger Loewig - Wie schreibt man ein Nachwort? Ich sitze am Fenster und schaue über die Stadt nach Norden, wo die Ostsee ist. Die erste Begegnung mit Loewig war, dass ich unvermittelt vor einem Bild von ihm stand. Ihn selbst gesehen hatte ich wenige Stunden zuvor in dem riesigen Gerichtsgebäude am Alexanderplatz, hatte ihn aber nur wahrgenommen, weil er von denen, die in Handschellen einen langen Gang herangeführt wurden, der größte war. Meine Frau und ich waren nach Berlin gekommen, um noch einmal einen Freund zu sehen, einen Mitangeklagten, bevor er verurteilt wurde und verschwand. Nach wenigen Minuten wurden wir hinausgeschickt, die Öffentlichkeit wurde ausgeschlossen. Draußen schoss eine Frau auf uns zu, eine kleine, energiesprühende Person - wir hatten vor Angst und Aufregung gar nicht mitbekommen, dass sie auch mit drinnen war - die Lebensgefährtin Loewigs. Sie bot uns auch gleich die Übernachtung an und brachte uns zu Loewigs kleiner Wohnung nach Köpenick.
Da stand ich vor dem großen Bild, Gestalten, die ihrer Körperhaltung nach einmal Menschen waren oder auch noch sein sollten, in einer durchglühten Ebene, in die Ölfarbe eingeritzt IM ÖDLAND VERWURZELTE. Hier gab es jemanden, der meine Verfassung - DDR 1964, ich Mitte zwanzig - haargenau bezeichnete. Es war erlösend, es war ein Moment, nach dem nichts mehr umkehrbar ist.


Roger Loewig gegenüber saß ich wenige Tage nach seiner Haftentlassung. Alles weitere ergab sich wie zwangsläufig. Er kam in unser Haus im Fläming, erst kurz sich umzuschauen, bald regelmäßig und über lange Zeit. Er nahm das Haus in Besitz, die Bewohner, den Kater, die Vorräte, selbstverständlich und ohne Schnörkel. Er gesellte sich in den Alltag, half glätten, wo es kantig war, lachte, fluchte, legte immer den gleichen Händel auf, dröhnend laut, und wunderbar war es, mit ihm zu essen und zu trinken.
Seit der Gefängniszeit malte er nur noch selten. Er zeichnete. In der Regel entstand in jeder Nacht eine große Zeichnung. Am Tage fuhr er in den Fläming, angeblich, um zu arbeiten, aber er schlief irgendwo neben abgelegenen Feldwegen oder an Waldrändern. Ich kam dahinter, als ich ihn einmal suchte, lange suchte - es war heiß, und ich wollte dem Arbeiter zu trinken bringen - und fand ihn schließlich nur deshalb, weil aus einem Stück Wiese ein gewaltiges Schnarchen kam.

Mir ist klar, ich halte mich bei nachwortungehörigen Dingen auf. Aber ich beruhige mich damit, dass es dem eventuellen Leser nicht ungelegen ist, von Loewigs Umgangsart zu erfahren oder Begebenheiten, die seine Person skizzieren. Mit jedem Jahr wird immer mehr davon vergessen sein. Etwa: Wir alle sitzen in der Dämmerung vor dem Haus, und der Kater kommt vom Garten her heran. Er springt auf Loewigs Knie, reckt sich hoch und beißt ihn unendlich behutsam in das Kinn- und geht weiter seiner Wege. Ungeheuerlich! Oder ein blauer Kugelblitz schwebte dicht am Haus vorbei, was es eigentlich gar nicht gibt. Oder, wieder wir alle, aber schon in Böhmen: Wir liegen unter einer dicken Linde neben einer Kapelle, einer Ruine natürlich, und schlafen einen Mittagsschlaf. Das Kind weckt uns. "Zwei Sonnen!" Tatsächlich, am milchigen Himmel stehen zwei Sonnen. (Ich habe es fotografiert.) Zwei Sonnen hatte ich vorher schon mehrfach auf seinen Zeichnungen gesehen.
Wie behutsam stellte er ein Weinglas ab. Überhaupt, was wäre alles über seine Hände zu sagen. Wenn er etwa Dinge berührte, aufhob, waren es Muscheln, Hölzer, Insektenschalen, und sie ins Licht hielt, zeigten sie ihr Wesen. Der Stift in seiner Hand! Er schrieb und zeichnete rechts wie links. Als ich vor ihm hockte, neben dem kleinen Tisch mit der Schreibmaschine, konnte ich nur immer auf seine Hände sehen, die auf der Beuge lagen, schwer und schwerelos. Ich musste nicht sofort begreifen, dass er tot war.

Die Gedichte. Über Loewigs Doppelbegabung ist oft gesprochen und geschrieben worden. Wer ihm die Begabung mitgab, die Mutter, der Vater? Die Mutter las die europäische Literatur im Original, der Vater, wenngleich hochrangiger Soldat, malte. Es war ein bürgerlich- preußisches Elternhaus im Kulturtiegel Schlesien.
Er hatte noch das kränkliche Häftlingsgesicht, als er uns vorlas. Das war in der Flemmingstraße in Köpenick, in der Wohnung seiner Lebensgefährtin. Wir waren völlig unvorbereitet. Er las heftig, ohne aufzublicken, gekrümmt auf einem Hocker, die Worte schrien, die Bilder schrien. Ich war benommen, mir wollte der Kopf platzen. Sah ich schon aus den Bildern, wie verstümmelt wir waren, so erst recht aus dem Gesang eines gefangenen Tieres. Die Gefängnisse, die Lager, der GULAG, gefangen in den trostlosen Städten, im Grauen der Vergangenheit, der stickigen Gegenwart, Loewig schrie dagegen an in Bildern und in Worten.

Für mich war er die rettende Begegnung, der Spurgänger, aber ich frage mich bis heute, wie er sein Leben ausgehalten hat. Im Sommer 1971 waren Loewig und ich mit seinem kleinen Kajütboot unterwegs. An einem regnerischen Tag gingen wir am Wolziger See in die Pilze. Es gab reichlich, soviel weiß ich noch. Wir drückten uns durch eine Schonung, als er stehen blieb und sich zu mir wandte. Dann sagte er: "Ich gehe nach drüben. In ein paar Wochen." Da standen wir nun, die Körbe und die Küchenmesser in der Hand.
In den Westen zu gehen, war Loewigs schwerste Entscheidung. Es hieß, alles zu verlassen, was ihm vertraut war, Köpenick, Friedrichshagen und den Müggelsee, überhaupt die Seen um Berlin, die Seen Mecklenburgs, darüber die Küste und dort vor allem den Darß. - Heute ruht in der Ostsee seine Asche, und vielleicht, hin und wieder, wenn der Wind die Wellen günstig treibt, liegt er wieder in den Dünen.
Und natürlich würden ihm die Menschen fehlen, die er liebte. Er blieb bis zum letztmöglichen Tag. Creszentia Troike, seine Lebensgefährtin, war ihm Ende Dezember vorausgefahren. Am 12. Januar `72 stieg er Bahnhof Friedrichstraße in die S-Bahn. Bald bestätigte sich, was er im vorhinein geahnt hatte, dass er von einem Teil des deutschen Elends in den anderen gekommen war, aus der Engstirnigkeit in den, wo zu leben bequemer war, in dem sich aber die Wege echolos verlaufen. Aber er konnte im Osten nicht künstlerisch wirksam sein. Er musste sogar befürchten, bei staatsbürgerlich unbotmäßigem Verhalten erneut verhaftet zu werden.

Ich treibe im Leeren, weil mich Heimweh quält, ich bin verdrossen, weil ich genötigt war, einen Hügel aufzugeben, von dem herab gegen umliegende Nacht und Barbarei zu kämpfen wichtig war und mir auch   vertraut.
Ich bin mir böse, weil mir so wenig Wege einfallen, auf denen der alte
Kampf weiterzuführen ist. Ich bin noch immer derselbe, nur etwas unglücklich und müde, und bin viel zu alt für einen Frontenwechsel. Es gibt wohl auch nur eine einzige Front, quer durch die Länder der Welt, die Front gegen die Missbraucher, gegen die Dompteure, gegen die Zertreter des Menschen.

Die 1971/72 entstandenen Gedichte wurden fast vollzählig in die Auswahl genommen, zum einem, weil der Frontenwechsel die wichtigste Zäsur in Loewigs Leben war, zum anderen sind sie aktuell wie eh und je. Heute wie zu allen Zeiten ist unser Planet überzogen von Heimatlosen und Entwurzelten, von Flüchtlingen und jenen, die fremd geworden sind im eigenen Land. Auf dem kleinen Tisch mit der Schreibmaschine lag zwischen Manuskriptseiten ein gelbes Zettelchen, auf dem stand: Die Enge bringt mich um. Im Nachlass fand sich die Erzählung Janka, sie beginnt Meine Kindheit umgaben große Landschaften und große Räume, breite Feld-, Wald- und Wiesenlandschaften und die Vielzahl hoher Zimmer. Die Kindheit endete mit der Flucht aus Schlesien. Wie Flüchtlinge im Nachkrieg hausen mussten, ist bekannt. Als junger Mann hatte Loewig ein möbliertes Zimmer in der Gutenbergstraße in Berlin- Köpenick.

und dann [möchte ich] mit tausend Pferdestärken
die Wände auseinander rücken.
Wie würgt die Enge meinen Hals!
Wie sägt mich dieses Grab entzwei!

Loewig brauchte die Weite. Den Himmel und den Horizont. Er wollte sich bewegen können, ohne auf ein GESPERRT zu stoßen, das empfand er als sein Menschenrecht. Den Himmel,

Oh Ikarus,
um deinen Flug
beneid ich dich ...

der über die Grenzen reicht, er ist der Raum für die Gedankenflüge - die Vögel in seinen Bildern, die tanzen, taumeln, sich erheben, stürzen, sich verfangen, die über Todesäcker streichen, die oft müde sind und krank. Als Loewig seinen Lehrerdienst antrat, bekam er eine winzige Wohnung in der Friedrichshagener Straße zugewiesen. Seine letzte, die Atelierwohnung auf dem Dach eines der Hochhäuser im Märkischen Viertel in Westberlin, war einmal vom Architekten sicher gut gemeint, doch zum Arbeiten wieder nicht geeignet. Aber sie war ihm der Hochsitz, von dem aus er über den Todesstreifen hinweg weit in die Mark Brandenburg schauen konnte. Und über sich hatte er den ganzen Himmel Berlins. Wir trafen uns in Ländern des Ostblocks. Es war die einzige Möglichkeit, sich zu sehen.
Und wieder mussten es die großen Landschaften und Räume sein. In Polen waren es die Mazuren mit den endlosen Wäldern und Seen. In der anderen Richtung war es Böhmen.
Unser Quartier war das "Palace", ein Hotel aus besseren Tagen. Es besaß noch ein Appartement - hohe Räume - und war für Westgeld sehr günstig zu haben. Der Hausmeister hieß Jakob, und in der Rezeption saß Frau Vejvodova. "Herr Leeeewig, sind Sie wieder da!" Tagsüber waren wir draußen. Es war herrlich, im hohen Gras verwilderter Gärten neben zerzottelten Apfel- und Birnenbäumen zu sitzen und zu reden, oder auch nur zu dösen.
Die kleinen Städte waren müde und grau, im Winter wirkten sie wie aufgegeben. Loewig zog es auf die Friedhöfe, dort las er die Geschichte ab, und in die zerfallenden Kirchen. Man trat auf Schutt und Scherben.
Meist aber ging es auf die Berge. Berg hinauf, Burgruine, Berg hinunter, hinauf, Burgruine, hinunter, allein wenn ich daran denke, brennen mir die Füße.
Und eine letzte schmale straße gibt es wirklich. Sie führt von einem dieser Burgenberge nach Milešov. Wir waren erschöpft, und es war spät geworden. Es nieselte. Hinter jedem Hofzaun kläfften Hunde. Ein stattlicheres Haus reichte bis an den Schotterweg. Das Wort Gasthaus war noch schwach zu lesen. Mitten im Dorf ragte ein Felsen hoch, auf ihm stand ein Schloss. Für Loewig war es sofort das Kafkaschloss. Er versuchte bei späteren Reisen hineinzugelangen, es ist ihm nie gelungen.
Über jeder Reise lag die bange Frage, ob wir uns das letzte Mal gesehen haben. Es konnte immer sein, dass man Loewig nicht mehr Transit fahren oder uns nicht mehr über die Grenze ließ. Angedroht wurde das oft genug. Die Kontrollen waren jedes Mal haarsträubend. Zum anderen verschlechterte sich Loewigs Gesundheitszustand. Er litt seit der Gefängniszeit unter Herzschwäche mit zunehmender Atemnot. Nach der Mauer begann Loewig sofort, die Orte im Osten aufzusuchen, die ihm vertraut gewesen waren. Er fuhr viel an die Oder, und er kam wieder in unser Haus. Und natürlich spielte er das alte schöne Spiel: Er zieht sich mit letzter Kraft die Haustreppe hoch. Wir haben uns artig vor ihm aufgestellt. Er schnürt umständlich seinen Rucksack auf und holt die Geschenke heraus, zwei Tempotaschentücher, einen halben Kaugummi, eine angerollte Tube Sardellenpaste ... Wir freuen uns riesig. Mit großen Gesten beginnt ein ausgedehntes Frühstück.
Am Tage fuhr er wieder in den Fläming. Er saß zwischen den Gräbern der Dorfriedhöfe und zeichnete die alten Kirchen. Sie wurden anrührende Wesen. Man möchte sie in beide Hände nehmen und an einen sicheren Ort tragen.Welch ein Bogen, der sich da von der aufbegehrenden Jugend bis zum gefassten Alter spannt! Eines noch: Creszentia Troike war die Kämpferin an Roger Loewigs Seite. Aber ohne die Freunde, in den Zeiten Ost wie West, hätten beide vielleicht aufgegeben. Loewig war ihnen tief dankbar, und schon in Böhmen sprach er davon, wie schön es wäre, wenn man alle, die doch Gleiches bewegte, einmal zusammenbekäme. Er würde ein großes Fest daraus machen. In den Jahren der Mauer war es ein Traum, dann war es plötzlich möglich geworden. Die Ausstellung im Fläminghaus 1996 war so eines. Alle waren da, Loewig zeigte die Kirchen und las, man glaubte, auch wenn man einander nie gesehen hatte, sich schon lange gekannt zu haben. Als nächstes nahm sich Loewig die alten Mühlen im Hohen und Niederen Fläming vor. Er kam bis zur Mühle in Haseloff ...

riesenvogel den kein himmel trägt
und der doch nisten muß
weil die Erde ihn braucht<

W.W.
Belzig, Juli 2002